Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Ein Besuch bei Immanuel Kant

1. August 2010 | Von CM | Kategorie: Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Am 18. Juli 2010 sendete das Kulturradio des RBB meine Sendung über Immanuel Kant. Das hier vorliegende Manuskript ist umfangreicher als die RBB Sendung, in dieser “Langfassung” dürfte es auch von Interesse sein.

RBB am 18. Juli 2010.
Gott und die Welt
Vom Geschmack der Vernunft
Tischgespräche im Hause Immanuel Kants
Von Christian Modehn

Die Gäste haben im kleinen Salon, dem „Besucherzimmer“, Platz genommen. Gleich wird sie der Hausherr begrüßen und in den Speiseraum führen.

Vom Nachbargrundstück, dem Königsberger Schloss, sind sanfte Klänge zu vernehmen…

Über Musik wird der Gastgeber wohl nicht sprechen. Ihn interessiert die Philosophie ganz besonders. Wie sollte es auch anders sein im Hause Immanuel Kants?

Michael Bongardt:
“Für Kant heißt Kritik nicht irgendwie ein mies machendes Auseinanderpflücken, sondern kritisch zu schauen, was kann die menschliche Vernunft und was kann sie nicht”.

Herbert Schnädelbach:
Bei Kant ist es ja so: Ich kann religiös sein, wenn ich moralisch bin. Aber ich muss nicht religiös sein, um moralisch zu sein.

Jean Greisch:
Es gibt nicht nur ein Recht zu denken, sondern vor dem Recht kommt auch die Freude, die Lebensfreude.

Immanuel Kant betritt den Raum. Er ist klein von Gestalt und fein gekleidet wie immer. Trotz seiner 70 Jahre ist er gesundheitlich noch auf der Höhe, seine zuvorkommende Herzlichkeit hat er sich bewahrt. Er begrüßt seine heutigen Gäste, die Philosophen Michael Bongardt, Jean Greisch und Herbert Schnädelbach sowie die Theologen Friedrich Wilhelm Graf und Dietmar Mieth. Mehrmals in der Woche gönnt sich Kant das Vergnügen, eine kleine Gesellschaft zu bewirten, hier auf der ersten Etage seines Hauses in der Prinzessinstraße in Königsberg in Ostpreußen. Für seine Gäste will er nicht der „berühmte Philosophieprofessor“ sein. Er möchte sich schon gar nicht als die weltweit geachtete Autorität mit einem umfangreichen, aber schwer verständlichen Werk verehren lassen. Kant will sich vielmehr von seiner besten Seite zeigen, als ein Freund geistvoller Gespräche.
“Beim Essen gebe ich dem Körper seine Ehre. Es lohnt sich, ein Vergnügen zu kultivieren, das täglich genossen werden kann”.

Nach diesen Worten fordert Kant seine Gäste auf, an der Bibliothek und dem Schlafzimmer vorbei zum Speiseraum zu kommen.

In der Küche, unten im Erdgeschoß, werden die letzten Vorbereitungen getroffen.

Die Köchin hat Kants Lieblingsgericht zubereitet: Kabeljau in Senfsauce, mit Möhren und Rübchen als Beigabe. Im Speisezimmer hat der Diener Martin Lampe den Tisch schön gedeckt. Wie alle anderen Räume im Hause Kant ist aber auch der Speisesaal von schlichter Einfachheit, ohne wertvolles Mobiliar, ein großer Spiegel ist die einzige Zierde. Die Wände sind ohne Tapeten nur weiß gestrichen. Der Gastgeber hat als erster Platz genommen.

“Natürlich ist das Essen auch eine Pflicht. Nur so können wir leben und überleben. Unsere Lust der Sinne wird beim Essen angesprochen. Immer wieder interessiere ich mich für neue Rezepte, meinen geliebten Senf rühre ich ja bekanntlich selbst an. Doch gibt es einen Unterschied, und damit sind wir bei meinem Lieblingsthema: Philosophie kann niemals Rezepte verteilen. Sie kann nur Orientierung bieten, als eine Anstrengung von Verstand und Vernunft, die jeder einzelne leisten soll”.

Aber diese Leistung des Denkens muss doch wohl nicht ständig erbracht werden, meint der Philosoph Jean Greisch von der Berliner Humboldt Universität:

“Für mich ist das Denken keine Zwangsarbeit, es ist auch eine Lust zu denken. Und insofern hat das Denken etwas mit der Lebenslust zu tun”.

Genau deswegen sind wir zusammen, sagt Kant mit einem ironischen Lächeln und fährt dann fort:

“Natürlich ist das sinnliche Gefühl, zum Beispiel die fein zubereiteten Speisen zu genießen, unsere schöne Empfindung für das Leben. Lust und auch Unlust machen das Leben aus. Aber ohne kritisches Nachdenken lassen wir uns von Lust und Unlust hinreißen und verwirren. Wir finden ohne Nachdenken keine Harmonie im Leben”.

Herbert Schnädelbach, Philosoph aus Hamburg, greift den Gedanken auf und wendet sich an die anderen Gäste:

“Ich verstehe die Philosophie immer als eine Kultur der Nachdenklichkeit und was das eigentlich heißt, so nachdenken, seinen Gedanken nachdenken. Das kann man bei Kant wirklich lernen, ja”.

Nach dem ersten Schluck Sylvaner wendet sich die Tischgesellschaft erst einmal dem Essen zu. Die Gäste schweigen, weil es ihnen so gut schmeckt oder philosophieren sie schon wieder still für sich? Kant will diese Frage nicht entscheiden, aber er überbrückt die Stille und kommt etwas ins Plaudern. Er spricht eher selten über sich selbst. Aber auf die immer wieder gestellte Frage will er gleich eingehen: Warum er denn Junggeselle geblieben sei?

“Als ich eine Frau habe brauchen können, habe ich als junger Mann keine Frau ernähren können. Und als ich sie ernähren konnte, habe ich keine Frau mehr gebraucht. Denn mein ganzes Leben dient der Philosophie. Selbstdenken heißt für mich der oberste Prüfstein der Wahrheit. Das Kriterium für gut und böse liegt in unserer Vernunft selbst. Was wahr und falsch ist, darf uns niemand einreden”.

Hilft Philosophie also, sexuelle Lust zu kompensieren? Die Gäste schauen sich verständnisvoll an, als hätten sie in dem Moment dasselbe gedacht. Aber da ist Kant schon wieder ganz bei seiner Sache:

“Ein Mensch ist erst dann erwachsen, wenn er einer wahren Maxime, einer wahren Lebenseinstellung, folgt. Sie heißt: Bemühe dich jederzeit selbst zu denken. Das ist der Sinn philosophischer Aufklärung. Luther und die Reformatoren haben das Selber – Lesen propagiert, nämlich das Selber – Lesen der Bibel. Ich sehe im Selber Denken die Voraussetzung für menschliches Leben. Jeder soll selber denken”.

Die Gäste haben es geahnt: Das gemeinsame Essen ist nur die Einleitung für ausgiebiges Diskutieren. Nach dem Dessert, dem obligaten Pflaumenkompott, öffnet Kant das Fenster. Im Schloss, direkt gegenüber, sind italienische Musiker zu Gast.

Kant bittet seine Gäste, das Gespräch im Speisezimmer fortzusetzen. Der Philosoph Herbert Schnädelbach aus Hamburg eröffnet die Debatte:

“Wie verteidigt man die Moral gegen die Zyniker, gegen die Skeptiker, gegen die Nihilisten. Gibt es da vernünftige Gründe, das ist die Aufgabe der Moralphilosophie und nicht Moral beizubringen”.

Darin sieht Kant seine Lebensaufgabe: Er will vernünftige, also widerspruchsfreie und allgemeingültige Gründe nennen für ein menschenwürdiges Leben. Er greift zu seinem Buch „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“ und liest eine Zeile vor:

“Es soll nicht sein, dass Menschen ihre Ziele nach eigener Laune auf Kosten anderer durchsetzen. Ethische Regeln sollen etwas allgemeines sein, also für alle Menschen als vernünftig gelten”.

Michael Bongardt, Professor für Ethik an der Freien Universität Berlin, will dieses Thema gleich weiterzuspitzen:

“Für Kant ist es keine Begründung einer Regel zu sagen: die hat Gott gesetzt. Ein göttliches Gebot können wir ohnehin nicht als solches erkennen. Wer kann uns mit Sicherheit sagen, dass ein Gebot von Gott kommt und nicht von Menschen erfunden ist, die dann halten sagen: Es ist von Gott. Aber, so sagt Kant sehr selbst bewusst: Selbst wenn es ein göttliches Gebot wäre, wären wir verpflichtet, nur das zu tun, was wir selber kraft eigener Vernunft für gut halten”.

Kant blickt in die Runde, seine Augen strahlen:

“Treffender hätte ich es auch nicht sagen können. Die Anweisungen zu einem guten Leben sollen niemals von politischen oder religiösen Herrschern stammen. Jeder einzelne weiß selbst, was gut ist und was es bedeutet, frei zu handeln”.
Michael Bongardt greift diesen Gedanken auf:
“Wir alle kennen so etwas wie das Gewissen, wie einen Anspruch, der in unserem Inneren steckt, etwas zu sollen. Es wäre widersprüchlich zu sagen, wir empfinden ein Sollen, und gleichzeitig zu sagen, diesem Sollen entspricht kein Können. Das wäre absurd. Von daher ist es ein Indiz für die Freiheit, dass wir das Sollen in uns spüren. Wenn wir von Ethik reden, müssen wir davon ausgehen, dass es sinnvoll möglich ist, von menschlicher Freiheit zu sprechen”.

Jetzt wird Kant sehr energisch:

“Dieses Gewissen ist ja bekanntlich nicht zu sehen und nicht zu greifen. Aber es existiert dennoch. Das ist erstaunlich: Unsere Freiheit hat im Geistigen, im Übersinnlichen ihren Ursprung”.

Aber wie gehen Menschen mit ihrer Freiheit um? Haben sie in ihrer Vernunft ein Kriterium für das, was gut oder böse ist? Herbert Schnädelbach erinnert an die wohl berühmteste Formulierung Kants, den „Kategorischen“, den unbedingt geltenden, „Imperativ“:

“Handle so, dass die Maxime deines Willens, also dein persönlicher Lebensentwurf, jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. Das bedeutet auch: Niemals darf ein anderer Mensch für mich bloß ein Mittel, bloß ein Gegenstand meiner Interessen sein. Jeder Mensch ist absolut wertvoll, er ist „Selbstzweck“.

Die Runde nickt zustimmend. Wer seinen Lebensstil und seine persönliche Lebenshaltung immer wieder mit dem Kategorischen Imperativ konfrontiert, gewinnt Klarheit. Was auf den ersten Blick so abstrakt klingt, enthält eine hilfreiche, eine wegweisende Erkenntnis, meint Herbert Schnädelbach.

“Der kategorische Imperativ bezieht sich auf Maxime, auf subjektive Grundsätze. Wenn du einen Grundsatz hast, z.B. ich will fremdes Eigentum nicht respektieren. Dann überlege dir, was passierte, wenn das allgemeines Gesetz wäre. Wenn ich sage: Verhaltet euch locker in der Eigentumsfragen, fremdes Eigentum soll mir wurscht sein…Dann widerspreche ich mir, weil ich ja selber für mich Eigentum in Anspruch nehme. Also ich zerstöre meine eigene Zielsetzung dadurch, dass ich diese Maxime nicht befolge”.

Der kategorische Imperativ kann also von eher destruktiven Einstellungen befreien; er hilft, möglichst widerspruchsfrei zu handeln. Kant nickt zustimmend

“Wer der Vernunft in seinem Denken und Handeln folgt, muss sich auch auf rigoros erscheinende Einsichten einlassen. Er muss die Frage klären: Kann es zum Beispiel moralisch erlaubt sein, gelegentlich zu lügen? Ich denke: Wenn das so wäre, dann zerstörte man letztlich die menschliche Gesellschaft. Niemand weiß dann noch, was grundsätzlich für alle gilt. Die Lüge vergiftet das Miteinander”.

Aber kann das ethische Gebot, nicht zu lügen, wirklich immer und überall gelten, wirft Herbert Schnädelbach in die Runde.

“Also wenn man sich die Situation vorstellt: Ich verstecke jemanden vor der Geheimpolizei und ich werde gefragt: Ist der bei dir. Und dann darf ich nach Kant nicht lügen. Man hat ja nur die Möglichkeit, es falsch zu machen, also man kann entweder lügen oder die Wahrheit sagen. Und dann ist die Verantwortung noch größer. Also es bleibt gar nichts übrig, dass ich in diesem Dilemma Urteilskraft brauche und muss dann sagen, was ist der höhere Wert, was ist die größere Schuld. Das muss man abwägen. Und dafür gibt es keine Regeln”.

Der kategorische Imperativ soll also nie mechanisch und gedankenlos angewendet werden…Gelegentlich sollte man doch dem kleineren Übel folgen. Kant will das ausdrücklich bestätigen:

“Eine Notlüge kann ich im Einzelfall entschuldigen, weil sie Leben retten kann. Aber die Notlüge sollte nicht grundsätzlich gerechtfertigt werden”.

Prinzipiell muss also der Kategorische Imperativ den Vorrang haben. Denn er macht deutlich, was für alle Menschen gilt. Michael Bongardt verweist auf ein besonders heikles Thema, die aktive Sterbehilfe:

“Ist es eine sinnvolle Maxime, also eine Grundregel menschlichen Handelns, zu sagen: ich setze meinem Leben ein Ende, wenn das Unerträgliche in diesem Leben stärker ist als das Erträgliche. Um es gleich vorweg zu sagen: Kant sagt, das geht nicht. Das darf ich nicht als allgemeine Regel stellen. Weil, so sein Hauptargument, die Grundrichtung unserer Vernunft ist die Lebenserhaltung. Unsere Vernunft zielt darauf, unsere Vernunft und Freiheit zu erhalten. Wenn sie jetzt dafür benützt wird, genau das Gegenteil zu tun, nämlich, den Ast abzusägen, auf dem sie selber sitzt, dann ist das eine Widersprüchlichkeit, die es unmöglich macht, diese Regel zum allgemeinen Gesetz zu machen”.

Aber was will Kant schwerstkranken Patienten sagen, die von unerträglichen Schmerzen gequält sind und freiwillig gern aus dem Leben scheiden möchten? Die beiden Theologen in der Runde schauen sich verständnisvoll an: Darauf hat die Philosophie Kants keine Antwort, das ist ihre Grenze. Der Diener Lampe unterbricht diese Überlegungen, er bringt eine weitere Falsche Sylvaner:

Die Gäste wissen: EIN Philosoph kann niemals auf alle Fragen eine schlüssige Antwort geben. Auch Kants Denken bleibt begrenzt, selbst wenn seine „Entdeckung“ des Kategorischen Imperativs schon eine immer gültige Erkenntnis für alle Menschen bleibt. Wer mit Hilfe des „kategorischen Imperativs“ in problematischen Situationen des Alltags immer wieder prüft: Kann meine Entscheidung allgemeines Gesetz für alle werden, erhält keine inhaltlichen Weisungen, „dieses oder jenes“ zu tun, betont Michael Bongardt:

“Wir brauchen im Konfliktfall gar nicht in erster Linie Lösungen für den konkreten Konflikt, sondern wir brauchen Regeln, wie wir mit Konflikten umgehen. Damit sind wir auf einer Ebene, die natürlich abstrakter ist, als die Frage: was soll ich denn jetzt gerade machen: A oder B wählen? Es geht darum, wie gehen wir mit ethisch relevanten Konflikten um, wo verschiedene Meinungen gegeneinander stehen. Für diesen Umgang brauchen wir Regeln. Und genau an diesem Punkt ist meines Erachtens Kant nach wie vor eine ausgesprochen große Hilfestellung, weil er uns gerade solche Regeln an die Hand gibt”.

Die Gäste wissen, dass Kant auch an politischen Fragen leidenschaftlich interessiert ist – schließlich fühle er sich als einzelner Bürger und Anhänger des republikanischen, demokratischen Gedankens auch der universalen Menschheit zugehörig und verpflichtet, Jean Greisch ist davon begeistert:

“Ich bin nicht nur ein Philosophie Professor, ich bin auch ein Weltbürger. Und als Weltbürger bin ich Mitspieler im großen Spiel des Lebens. Ich bin kein Zuschauer, ich bin kein Schiedsrichter. Ich bin, ob ich will oder nicht, an diesem Spiel beteiligt. Und in diesem Spiel wird mir manchmal auch sehr böse mitgespielt”.

Denn der Bürger wird nicht nur betrogen und belogen, er ist dem Spiel der politischen Machthaber oft hilflos ausgesetzt, nur selten kann er sich gegen Hass und Friedlosigkeit wehren. Die Philosophie Kants bietet auch in diesem Fall die richtige Orientierung, meint Herbert Schnädelbach:

“Der kategorische Imperativ verpflichtet nur dazu, in den Rechtszustand einzutreten! Und das Recht ist dann nichts anderes als die Regulierung der Verträglichkeit der Freiheit eines jeden mit der Freiheit eines jeden anderen”.

Meine Freiheit sollte die Freiheit des anderen also nicht beschädigen, Kant wird beinahe wütend:
“Und ich muss denjenigen Menschen in seiner Freiheit behindern, wenn er seine eigene Freiheit nur dazu benutzt, die Freiheit anderer einzuschränken”.

Der Kategorische Imperativ gilt nicht nur im privaten Bereich, er schafft Klarheit auch in den internationalen Beziehungen der Staaten untereinander. Diese Erkenntnis will Michael Bongardt unbedingt festhalten:

“Kants Grundfrage ist: Gibt es für uns irgendwelche Regeln, an die wir uns halten müssen, weil sie für alle Menschen gelten und zwar deshalb für alle Menschen gelten, weil sie unserer Vernunft einleuchten”.

Trotz aller Unterschiedlichkeit der Kulturen mit ihren individuellen Ausprägungen gibt es doch eine gemeinsame Überzeugung der ganzen Menschheitsfamilie, ruft Herbert Schnädelbach in die Runde:

“Wenn es eine moralische Pflicht gibt, in den Rechtszustand einzutreten, dann muss das auch global gelten. Wenn wir wirklich universalistische Vorstellungen haben von Moral und von Menschrechten, da folgt wirklich auch die moralische Forderung daraus, auf den Frieden hin zu arbeiten”.

Kant hat sich erhoben. Er greift zu einem Buch, auf das er besonders stolz ist. Früher hatte er grundlegende Bücher zu erkenntnistheoretischen und ethischen Fragen publiziert.

“Ich habe einen politischen Text veröffentlicht mit dem Titel „Zum ewigen Frieden“. Darin schreibe ich: In unserer politischen Arbeit sollen wir den universalen Frieden, den Weltfrieden, als Projekt anstreben. Was nützt es, wenn ein friedlicher Staat von lauter Kriegstreibern umgeben ist. Es ist ein langer Weg zum Weltfrieden, aber er ist ethisch geboten. Ich kritisiere die räuberische Außenpolitik, früher sprach man von Kolonialpolitik. Es gibt Staaten, die herrschsüchtig und für den Frieden verderblich sind. Niemals darf ein Mensch nur als Mittel, als Kanonenfutter sagt man ja, benutzt werden. Es darf z.B. kein stehendes Heer mehr geben, denn das führt nur zum Wettrüsten”.

An dieser Stelle möchte der katholische Moraltheologe Dietmar Mieth aus Tübingen das Wort ergreifen. Er weiß genau, dass Kant in seiner politischen Philosophie auf die ethischen Weisungen Jesu von Nazareth und anderer religiöser Führer gern verzichtet. Aber ist nicht die Botschaft Jesu gerade in der Diskussion über Krieg und Frieden auch philosophisch hilfreich, fragt Dietmar Mieth:

“Wenn wir von Jesus etwas Zentrales lernen können, ist es Gewaltkritik. Da geht es nach meiner Ansicht im wesentlichen um ein kritisches Bewusstsein gegenüber Gewalt, um eine Unterbrechung. Dies ist eben die Unterbrechung der Spirale. Das tut er nicht, sich diesen Gesetzen Gewalt gegen Gewalt zu beugen.
Das kann man philosophisch erkennen und anerkennen, indem man sagt, wenn wir den Terrorismus mit terroristischen Mitteln bekämpfen, dann zeugen wir ihn fort. D.H. Wir müssen also in unserer eigenen Haltung antiterroristisch gegen den Terrroismus kämpfen und das ist offensichtlich in der Politik schwierig”.

Die Diskussion hat noch einmal eine Wendung genommen: Wenn die Vorstellung, Frieden für alle zu schaffen, auch von der Bibel unterstützt wird, sollte man dann nicht auch ausführlicher über die göttliche Wirklichkeit sprechen? Jean Greisch wendet sich Kant zu:

“Ein Begriff des Göttlichen, in dem die Idee der Liebe, der Gerechtigkeit, des Friedens keine zentrale Rolle würde, wäre für mich mit dem Göttlichen überhaupt unverträglich. Ich würde sagen: das ist das Ungöttliche”.

Kant kann dem nur zustimmen. Es sei einfach falsch, wenn so viele Dummköpfe behaupten, er sei ein „Zerstörer des Glaubens“.

“Ich finde es von meiner Moralphilosophie her sogar notwendig, das Dasein Gottes anzunehmen. Gottes Existenz können wir zwar nicht wissenschaftlich demonstrieren, weil ja Gott nicht als ein greifbarer Gegenstand erfahren werden kann”.

Jean Greisch, der zugleich Philosoph und Theologe ist, will diese Aussage noch vertiefen:

“Gott ist für Kant kein Erfahrungsgegenstand. Aber das bedeutet keinesfalls, dass der Begriff, der Gottesbegriff, selbst sinnlos wäre. Also insofern kann man sagen: Das Unbedingte ist unbegreiflich, aber das ist eine Idee, die nicht nur Kant vertritt, die finden Sie bereits bei Augustinus. Er sagt: Wenn du ihn begreifen könntest, dann kannst du sicher sein, das kann nicht der Gott sein”.

Die Runde ist von einer Stimmung erfasst, die man im Hause Kants schon „philosophische Begeisterung“ oder „kritischen Enthusiasmus“ genannt hat. Der Gastgeber ruft dazwischen:

“Wer sagt, dass Gott sicher existiere, der sagt mehr, als er weiß. Und wer das Gegenteil sagt, Gott existiere sicher nicht, der sagt ebenso mehr als er weiß. Niemand weiß genau und exakt, dass Gott existiert. Sondern wir glauben es. Dabei bedeutet Glauben als menschliche Haltung keine Abwertung gegenüber dem Wissen”.

Da kommen religiöse Menschen also doch zu ihrem recht…Aber Herbert Schnädelbach warnt davor, nun sofort zu meinen: Kant sei auch ein Verteidiger kirchlicher Institutionen:

“Was jetzt die Religion betrifft, also die gelebte Religion, da hat er ja in der Religionsschrift gesagt, alles, was daran zu retten ist, können wir nur verstehen als Anhang zur Moralphilosophie. Er sagt eben, alles, was wir glauben tun zu können, um gottgefällig zu sein, außer dass wir moralisch leben, das ist alles Abgötterei und Aberglaube”.

Kant möchte dem unbedingt zustimmen:

“Religiöse Praxis bedeutet für den einzelnen nichts anderes als die Anerkennung vernünftiger moralischer Pflichten, und diese sind göttliche Gebote! Unsere Vernunft ist der Maßstab und das Kriterium für alles, was in einer Religion lebt. So werden dogmatische Ansprüche begrenzt. Darum habe ich kein Verständnis für Konfessionen und Kirchen, wenn sie die Menschenrechte nicht respektieren und nur halbherzig die Demokratie unterstützen…”.

Kant wird von dem Theologen Friedrich Wilhelm Graf aus München unterbrochen, er will Kants Erkenntnis auf eine Kirche unmittelbar anwenden.:

“Es gibt keine römisch-katholische Demokratie-Theorie, in der nicht die Zustimmung zur Demokratie von Vorbehalten abhängig gemacht worden ist. Es heißt immer die wahre Demokratie, die rechte Demokratie. nie die Demokratie als solche. Und die eigentliche Demokratie ist die Demokratie, die sich den sittlichen Einsichten, den moralischen Vorschriften des Lehramtes öffnet. Es ist jedenfalls nicht eine parlamentarische, pluralistische Parteiendemokratie, in der die Kirche in ihren Mitbestimmungsansprüchen an den Rand gerückt wird”.

Kant fühlt sich richtig verstanden:

“Ich habe das ja so oft schon gesagt: Es gibt Kirchen, die sich nicht weiterentwickeln und wie leblos erscheinen, z.B. wenn sie in ihren eigenen Strukturen vernünftigen oder demokratischen Prinzipien nicht folgen wollen und etwa Frauen keine Gleichberechtigung bewähren… ”

Friedrich Wilhelm Graf will gleich noch etwas ergänzen:

“Man kann sagen, dass die Römisch-Katholische Kirche seit 200 Jahren den Prozess der Modernisierung darin kritisch begeleitet, dass sie sich als eine Gegeninstitution etabliert. Deshalb hat sie die Autorität des Papstes zunehmend verstärkt im 19. Jahrhundert, deshalb hat sie immer stärker auf römischen Zentralismus gesetzt. Was wir jetzt erleben ist im Grunde genommen eine innerlich stimmige, konsequente Kirchenpolitik: Je mehr religiösen Pluralismus es gibt, desto konsequenter stellt die Römisch katholische Kirche ihre spezifischen Merkmale in den Raum, das ist durchaus stimmig”.

Und zu den spezifischen Merkmalen gehören eben auch die breiten Traditionen eines volkstümlichen Katholizismus oder einer populären Orthodoxie: Sie haben etwa „heilige Orte“ geschaffen mit Wunderquellen und empfehlen „Heilige als himmlische Schutzpatrone“ in allen Lebenslagen anzurufen. Da schaltet sich Jean Greisch ein:

“Aberglaube, Fanatismus, Wundergläubigkeit und so weiter: die muss man tatsächlich unter Kontrolle halten. Das ist das Problem Kants. Und ich glaube, er hat recht. Und ich glaube, in dieser Beziehung müssen wir auch als Philosophen einen kritischen Blick für die institutionellen Organisationsformen der einzelnen Religionsgemeinschaften haben”.

Kant freut sich, dass seine Gäste die Grundidee seiner Religionsphilosophie verstanden haben, und mit einem Seufzer fügt er hinzu: Viel wichtiger als die Kirche sei doch etwas ganz anderes:

“Das Reich Gottes auf Erden ist die letzte Bestimmung des Menschen. Christus hat das Reich Gottes verkündet. Aber man hat ihn nicht verstanden und statt dessen das Reich der Priester und der Kirche errichtet und nicht das Reich Gottes, das in uns selbst, in Seele und Vernunft, zu finden ist”.

Die Gäste wollen nicht auseinander gehen, ohne auch die Grenzen der Religionsphilosophie Kants zu besprechen. Schließlich sei religiöse Praxis doch immer auch Gottesdienst und Liturgie, Gesang und Gebet, Mystik und Ekstase. Darauf will Jean Greisch unbedingt hinweisen:

“Jetzt kann man sich allerdings fragen, ob Kant nicht dazu neigt, Religion und Ethik total miteinander zu identifizieren. Dass man sagt, eine Religion, die noch andere Komponenten enthält als die rein ethische Komponente, das ist eine suspekte Religion. Also mit dieser These der totalen Identität von Ethik und Religion habe ich meine Schwierigkeiten, also die Religion ist eine eigenständige Provinz im menschlichen Gemüt”.

Herbert Schnädelbach kann dem nur zustimmen. Religion ist mehr als Moral! Er erinnert an den Theologen Friedrich Schleiermacher in Berlin: Der Zeitgenosse Kants plädiert dafür, das Gefühl für das Unendliche und das ganzheitliche Ergriffensein von Gott als besten Ausdruck von Religion zu fördern: Vielleicht will Herbert Schnädelbach mit diesem Hinweis schon das nächste Salongespräch ankündigen?

“Ich würde schon sagen, da ist Schleiermacher doch wirklich sehr wichtig, weil Schleiermacher ganz entschlossen die Religion aus der Gefangenschaft der Moral befreit hat. Und das ist eigentlich für mich eine der wichtigsten Einsichten, dass Religion nicht eben ein Anhängsel der Moral ist, und dass sie auch keine Metaphysik ist, also keine Welterklärung. Und diese Befreiung der Religion von den moralischen Aufgaben, das hat sich eben bis heute immer noch nicht rumgesprochen, weil viele Leute immer noch erwarten, dass die Kirchen die moralischen Oberinstanzen sind”.

Kant ist nicht gerade glücklich über diese kritischen Hinweise. Kann EIN Denker denn alle Aspekte berücksichtigen? Aber es wird Zeit, die Gäste zu verabschieden. Denn sein üblicher Nachmittagsspaziergang steht jetzt auf dem Programm… Im Namen der Gäste bedankt sich Herbert Schnädelbach für die insgesamt anregenden Gespräche im Hause Kants:

“Das ist ein inständiges Nachforschen mit dem Versuch, alle möglichen Argumente, die da mit im Spiel sind, zu berücksichtigen, das ist irgendwie doch faszinierend, muss ich sagen”.

Auch der Gastgeber ist zufrieden…Wieder einmal hat eine Tischgesellschaft für das „Aufblitzen der Vernunft“ gesorgt. Zum Abschied sagt er:

“Auch wenn wir hier gut gegessen und ordentlich getrunken haben: Vergessen wir nicht: Der Wert des Lebens besteht nicht im Genuss und im Genießen. Vielmehr erinnert uns die Vernunft daran, dem Leben durch unsere ethischen Handlungen einen Wert zu geben. Das ist der wahre Geschmack der Vernunft”.

Und mit einem leichten Seufzer fügt er hinzu:

“Nur mit kleinen Schritten folgt die Menschheit den Weisungen der Vernunft. Schließlich leben wir noch nicht in einer vernünftigen Welt…”

Immanuel Kant wurde 1724 geboren, er hat seine Heimatstadt Königsberg bis zu seinem Tod 1804 nie verlassen. Aber ständig konnte er Gäste aus aller Welt bei sich zu Hause begrüßen … und mit ihnen speisen….

COPYRIGHT: Christian Modehn Juli 2010.



Philosophieren – ein Fest des Denkens?

19. Dezember 2009 | Von CM | Kategorie: Denkbar, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Kann Philosophieren selbst eine FEIER werden?

Perspektiven für unser Gespräch am 19.12. 2009 über Philosophieren zwischen Alltag und Fest….

Eine merkwürdige Zumutung: Philosophisches Denken als Feier?

Aber was leistet Philosophieren:

Es räumt auf, indem es problematische Begriffe untersucht, Denkzwänge beseitigt, möglicherweise falsche Vorstellungen verwirft; neue Erkenntnisse tun sich auf. Vernunft ist ja in klassischer Tradition „Licht“.  Aufklärung heißt auf Französisch: Siècle des lumières…Zeitalter der Lichter.

Also:

Wenn Philosophie entrümpelt, schafft sie einen neuen freien und lichten Denkraum und damit einen neuen Lebensraum.

Bei etwas mehr Klarheit kann man sich doch freuen, kann man doch mit den neuen Erkenntnissen umgehen, spielen, sie probieren, ihre Wirkungen genießen. Vielleicht sind sie heilsam, vielleicht beflügeln sie den Geist und damit das Leben.

Dann wird Philosophieren zum „Denkfest“.

Dieses Fest wird immer zunächst in der Einsamkeit des einzelnen gefeiert. Und zwar möglichst oft. Denn das Entrümpeln hat nie ein Ende.

Aber der entrümpelte Denkraum wird immer wieder anderen gezeigt, d.h. er wird mit anderen besprochen. Dann entsteht ein Fest des gemeinsamen Denkens. Ein Symposion.

Und bei dem klassischen Symposion von Platon fehlten niemals Wein und Brot. Gibt es etwa ein „philosophisches Abendmahl“?  Darüber wäre auch im Rahmen einer Philosophie der Lebenskunst nach zu denken.



Mit Hegel Gott denken

24. Juli 2009 | Von CM | Kategorie: Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Mit dem Philosophen  Hegel Gott denken  – Möglichkeiten und Grenzen

Ein Salonabend im Hause Hegel

Eine imaginäre Begegnung anläßlich eines klassischen Themas, das viele heute für überholt halten. das aber doch einen philosophischen Reiz nicht verloren hat…

Von Christian Modehn

Im Wein liegt Wahrheit, und mit der stößt man überall an.« Ein Bonmot, das sich in ganz Berlin herumgesprochen hat. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat es formuliert, und es wird ihm immer vorgehalten, wenn er, bei einigen Gläsern Wein, abends zum Salon einlädt. Treffpunkt ist seine Wohnung »Am Kupfergraben Nr. 4«, ganz in der Nähe der Prachtstraße »Unter den Linden« mit der Universität.

Die heutige Runde will darüber nachdenken, wie die Vernunft einen Beitrag leisten kann zur Versöhnung der zerstrittenen und zerrissenen Gesellschaft: Manche Leute halten sich streng an die dogmatische Wahrheit, andere lassen jedem seine Überzeugung, sind für die Toleranz. Etliche setzen nur auf Spiritualität, die anderen auf den Atheismus. Viele wollen Gott nur im Gefühlsrausch erleben, andere möchten einen klaren Kopf bewahren, wenn sie beten.

»Gibt es bei diesen zerstrittenen Positionen einen vernünftigen Ausweg, eine Versöhnung?« Mit diesen Worten begrüßt Hegel seine Gäste, zwei Theologen und drei Philosophen. Sie wissen längst, dass Hegel der Vernunft sehr viel zutraut: Nur sie darf Staat und Gesellschaft bestimmen, nur sie soll den Menschen leiten in seinen Entscheidungen. Und schließlich sollte die Vernunft auch die Religionen bestimmen. »Darum schlage ich für unsere heutige Sitzung in unserem Salon das Thema vor: Wie lässt sich Gott denken, ja mehr noch, lässt sich vielleicht die Existenz Gottes in der Philosophie beweisen?«

Mit dieser Frage haben die Gäste beinahe gerechnet, denn die Erkennbarkeit Gottes im Denken ist eines der Lieblingsthemen des Meisterdenkers Hegel. Um das Wohlwollen seiner Gäste zu gewinnen, erhebt Hegel das Glas und sagt: »Auf die Erkenntnis der Wahrheit.«

Die Gäste wissen natürlich, dass Hegel, durchaus unbescheiden, dazu neigt, sein eigenes Denken als »die« Wahrheit zu bezeichnen. Und das empfinden viele als »anstößig«, weil er in höchster geistiger Anstrengung die Erkennbarkeit Gottes zur Grundlage seiner Philosophie macht. Wird sich auch in dieser Runde Gott im Denken beweisen lassen? Ein spannendes Thema, das vielleicht einen eher lockeren Einstieg verdient, meint der evangelische Theologe und Psychologe Günter Funke: »Gottesbeweise sind einfach wunderbare intellektuelle Spiele. Das hat mit der Freude am Denken zu tun. Und warum soll man sich nicht mal hinsetzen und sagen: Versuchen wir es mal.«

Hegel möchte diese etwas flapsige Äußerung schon fast »anstößig« finden und laut widersprechen, aber er besinnt sich und erklärt sanft: »Nach Möglichkeiten von Gottesbeweisen zu suchen ist alles andere als ein Spiel. Erst, wenn wir sicher Gott erkennen, finden wir Halt und Sinn. Die Erkenntnis Gottes ist im Denken des Menschen begründet. Denn mit unserer Vernunft überschreiten wir das Endliche und Begrenzte. Wir sind kraft unserer Vernunft über alle Einschränkungen der Welt hinaus auf den Unendlichen, auf Gott, bezogen.«

Die Gäste im Hause Hegel schauen sich an und denken: Da hat uns also Hegel gleich ins Zentrum seiner Philosophie geschleudert: Denn er begründet in allen Teilen seines weitreichenden Systems, warum der Mensch die geistige Kraft hat, die Grenzen des Weltlichen und Bedingten zu überschreiten. Der Mensch sei wesentlich Geist, das unterscheide ihn vom Tier. Und der Geist lehrt Leben, Lieben und Hoffen. Darum dürften die Naturwissenschaftler auch nicht das letzte Wort haben. Sie könnten gar nicht verstehen, was unsere menschliche Wirklichkeit ist, was Person und Ethik, soziales Leben und Politik, Kunst und Religion bedeuten. Überall da wirke der Geist, und der habe so viel Energie, die Welt auf Gott hin zu öffnen. »Und genau da sind wir wieder bei unserer Sache«, sagt der Philosoph Volker Gerhardt: »Ich glaube, dass wir heute das Thema des Göttlichen oder Gottes ganz selbstverständlich auf die Tagesordnung der Philosophie setzen.«

Hegel atmet auf: Seine Gäste wollen sich also nicht »aus Eitelkeit«, wie er gern sagt, am Weltlichen und Irdischen festklammern. In aller Deutlichkeit schärft er ein: »Wenn wir nach Gott im Denken fragen, dann ist das alles andere als eine plötzliche Erleuchtung, alles andere als ein persönliches Wunder. In der Arbeit der Vernunft gelangen wir zum Erleben des Schönen, Wahren, Guten, zu geistigen Wirklichkeiten.«

Voller Bedacht trinkt Hegel einen Schluck Riesling. Die Gäste beobachten, wie er sich den guten Tropfen auf der Zunge zergehen lässt. Als Schwabe ist er ein Weinkenner … dann fährt er fort:

»Den philosophischen Weg zu Gott nenne ich Gottesbeweis. Und der Beweis beginnt damit, dass wir feststellen: In unserer Vernunft überwinden wir alles Begrenzte, Endliche, Weltliche.«

Die Philosophen in der Runde können dem nur zustimmen. Ohne kritisches Denken gibt es nur diffuse Gefühle, Vorurteile, Illusionen. Die entscheidende Frage muss jetzt diskutiert werden: Warum ist alles Weltliche überhaupt da? Warum gibt es Werden und Vergehen? Darauf will der Philosoph Edmund Runggaldier, ein Jesuit, eingehen: »Der Ausgangspunkt ist zunächst einmal die Erfahrung, dass es Veränderung gibt, und die Überzeugung, dass es für jedes Phänomen eine Ursache braucht. Aus diesen Überzeugungen schließe ich auf etwas, das dahinter ist. Wie ist es zur Entstehung dieses Kosmos gekommen? Wenn es stimmt, dass etwas nötig ist, damit etwas entstehen kann, dann muss es doch etwas geben, das Grund dafür ist, dass der Kosmos tatsächlich zu existieren begonnen hat.«

Die »Gottesbeweise« wollen zeigen, dass dieser »Urgrund« ganz anders ist als der Ursprung einer Sache, er ist kein raum-zeitlich bestimmbarer Gegenstand. Auf das Stichwort »Urgrund« hat ein anderer Philosoph in Hegels Salon nur gewartet: Der Philosoph Michael Theunissen erinnert daran, dass der »Urgrund«, das Göttliche, nicht als eine jenseitige und himmlische, ferne und fremde Wirklichkeit gedacht werden sollte. »Eine von Hegels wichtigsten Einsichten ist: Das Endliche, Weltliche, kann nicht in sich selbst stehen, es verweist auf ein absolutes Sein, das es trägt. Das Endliche ist nicht aus eigener Kraft lebendig, es trägt sich nicht selbst. Wir müssen das Absolute annehmen als den Grund unserer selbst, so dass das Absolute die Substanz unserer eigenen Wirklichkeit ist.«

Hegel lächelt zufrieden. Besser hätte er es auch nicht sagen können. Alle geistige Energie im Menschen stammt vom Schöpfer des ganzen Universums. Dass der biblische Schöpfungsbericht nicht wörtlich zu nehmen ist, versteht sich in diesem Kreis von selbst! Trotzdem hält man fest: Mensch und Gott sind aufs Innigste verbunden. Wir leben aus der geistigen Kraft, die uns geschaffen hat. Von dieser Einsicht ist Günter Funke ganz begeistert: »Dieses Leben, das uns im Leben hält, haben wir uns selber nicht gegeben, nicht gemacht. Wir können nicht einmal Leben im Reagenzglas machen, weil das Leben immer schon da ist. Das heißt: Wir können im Reagenzglas dem Leben eine Chance geben, auch dort noch zu erscheinen. Aber der Mensch kann kein Leben schaffen, weil er in allem Lebenschaffen immer schon auf dieses Leben zurückgreifen muss, um etwas zu schaffen.«

Ein Gast saß bisher schweigsam und in sich gekehrt in der Runde. Jetzt will er unbedingt das Wort ergreifen. Eine leichte Empörung kann er nicht verbergen. Pater Klaus Schlapp ist Zisterziensermönch in der alt-katholischen Kirche: »Ich glaube nicht, dass man die Gottesfrage gedanklich klären kann. Wie kann man die Gefühle einer Mutter zu ihrem Kind philosophisch erklären? Wie kann man die Liebe Gottes zu den Menschen philosophisch erklären? Und die Objektivität des Glaubens, die steht in Ihnen, in Ihren Herzen. Das ist nicht etwas, was ich wissenschaftlich weitergeben kann. Oder auch philosophisch klären kann. Wie kann man Gott mit Logik erfassen? Ich denke, da werden wir immer wieder scheitern. Ich kann Gott immer dann erfassen, wenn ich selbst aufhöre, irgendetwas zu wollen.«

Für die Philosophen in Hegels Salon ist dieses Bekenntnis eine Provokation. Aber das Misstrauen der Frommen gegenüber der Philosophie könne doch überwunden werden, meint Edmund Runggaldier: »Sollte meine Vernunft ständig gegen diesen Glauben an Gott sprechen, so wäre ich innerlich zerrissen. Und das wäre ungesund und äußerst unangenehm. Ein vernünftiger Glaube hilft, eine einheitliche, konsistente Auffassung der Wirklichkeit zu haben. Und diese einheitliche Auffassung hilft mir auch, den Alltag leichter zu bewältigen, ohne dass ich schizophren sein müsste: hier Rationalität der Wissenschaft, dort Irrationalität des Glaubens. Diese Spaltung wäre äußerst ungesund.«

Die Gotteserkenntnis führt also zu einer Stimmigkeit in meinem Leben, sie fördert das seelische Wohlbefinden und die Ausgeglichenheit des Geistes.

Selbst bei einem guten Tropfen kann Pater Schlapp seinen Unmut nicht überwinden: Muss man denn gleich von einem »Gottes-Beweis« sprechen, fragt er ein wenig mürrisch. Hegel möchte am liebsten zornig werden:

»Wie oft habe ich schon gesagt, dass Philosophie nicht Mathematik ist und dass deswegen ein philosophischer Beweis nicht die Qualität eines mathematischen Beweises hat. Wir Philosophen haben nichts mit Geometrie zu tun!«

Hegels Argument wird von dem Philosophen Günter Figal unterstützt: »Beweis ist vielleicht das falsche Wort in dem Zusammenhang. Beweisen kann man nicht, was letztlich nur durch eine intensive Erfahrung zugänglich ist. Man kann es erläutern und ausdeuten und kann zeigen, dass das, was da erläutert wird, eine Sache ist, die nicht etwa durch die Erläuterung von uns erfunden worden ist. Wenn man das einen Beweis nennt, wäre ich einverstanden.«

Hegel ist froh darüber, dass einer seiner Gäste auch neue Argumente für Gott vorstellen will; er setzt beim Suchen und Sehnen nach einem sinnvollen Leben an. Der Philosoph Volker Gerhardt betont: »Meines Erachtens ist das Wesentliche in dieser Demonstration der Unverzichtbarkeit Gottes dadurch gegeben, dass wir nicht ohne Sinn handeln können. Wir sind auf etwas bezogen, was uns etwas bedeutet. Und das geht über unsere jeweilige Handlungsperspektive hinaus, und es geht auch über unser individuelles Dasein hinaus. Wie wollen wir Kinder erziehen und ihnen den Ernst des Daseins beibringen, wenn wir zugleich immer sagen: Ja, aber es ist alles ohne Bedeutung, denn letztlich hat ja alles keinen Sinn. Ich glaube, das kann jeder einsehen, dass wir den Sinn brauchen. Und wenn wir uns dann fragen, was einen solchen Sinn garantieren kann, dann sind wir bei dem, entschuldigen Sie die Formulierung, was man die Funktion Gottes nennen kann, da ist er unverzichtbar.«

Die Gäste Hegels kommen darin überein: Im Denken lässt sich Gott als ein tragender Lebenssinn, als absolutes Geheimnis »berühren«. Das ist doch viel! Bevor es zur weiteren Debatte kommt, bittet Karl Friedrich Rumohr, ein Freund Hegels, in die Küche: Rumohr hat eines der ersten großen Kochbücher verfasst. Jetzt serviert er einen deftigen Gemüse-Fleisch-Salat. Und während die Gäste speisen, gibt er, selbstverständlich mit Zustimmung des Gastgebers, einen kleinen Witz preis: »Ein Sohn fragt seinen Vater: Hat Gott die Welt wirklich erschaffen und fertiggestellt? – Ja, mein Sohn, das hat er. – Aber Vater: Was macht Gott denn jetzt ständig im Himmel nach der Fertigstellung der Schöpfung? – Mein Sohn, höre! Gott sitzt Modell für das Absolute im Denken Hegels.«

Hegel schmunzelt, und mit einer gewissen Betroffenheit schauen die Gäste in die Runde: Weiß Hegel nicht vielleicht doch zu viel von Gott? Kann er zu Recht sagen, Gott im Denken als den Dreifaltigen zu erkennen? Ist der Unendliche nicht vor allem Geheimnis? Reicht es nicht zu wissen, dass Gott da ist? Wird der bewiesene Gott nicht zu einem Gegenstand, den man handhaben kann? Der evangelische Theologe Günter Funke meldet sich energisch zu Wort: »Der Mensch möchte verfügen. Und er fügt dann Gott ein in seine Konstrukte. Viele Menschen haben sehr viel Lebendigkeit ihren Vorstellungen geopfert. Und natürlich, wenn ich irgendwo mal beginne, Lebendigstes für Vorstellungen zu opfern, dann werden die Vorstellungen überhöht, sie bekommen einen Stellenwert, den die biblische Tradition Götzen nennt.« Philosophie, so lässt sich Hegel belehren, sollte vor allem interessiert sein, vor übereilten Festlegungen zu bewahren, den Raum des göttlichen Geheimnisses zu öffnen. Der Gastgeber erinnert an die Überzeugungen seiner Jugend: »Schon als junger Philosoph in Tübingen habe ich gelehrt: Die Lebendigkeit, das Leben selbst, ist die innere Quelle, Gott zu erfahren. Ich lasse mich deswegen auch heute gern von der Musik von Johann Sebastian Bach ansprechen, weil sie so deutlich den Übergang des Menschen zu Gott und die Hinwendung Gottes zum Menschen ausdrückt.«

Die Runde in Hegels Salon ist von der Begeisterung fürs Denken erfasst, aber sie möchte jeglichen blinden Eifer vermeiden. Darum muss der praktische Stellenwert der Gottesbeweise noch erklärt werden. Denn so könnte sich niemand mehr der Beziehung zu Gott entziehen. Dann »müssten« sich alle Menschen notwendigerweise an Gott halten, wenn sie nicht als Dummköpfe gelten wollen. Und die Philosophen könnten sich als »Gottesbeweiser« in den Dienst der Kirchen stellen. Sie wären dann philosophische Missionare.

Aber alle Tatsachen sprechen dagegen. Es gibt Atheisten genauso wie fromme Leute, die ohne jeglichen Gottesbeweis offenbar glücklich leben. Die »Gottesbeweise« bieten also persönliche Gewissheit, aber keine mathematisch zwingende Erkenntnis. Sie sind vor allem für jene Menschen von Nutzen, die schon einen gewissen Sinn für eine göttliche Wirklichkeit haben. Auf diese entscheidende Nuance weist Edmund Runggaldier hin: »Zunächst geht es darum zu klären, wie wir Theisten die Wirklichkeit deuten, damit unser Glaube konsistent sei. Denn wenn er widersprüchlich ist, dann kann er nicht stimmen. Erst in einem weiteren Schritt kann ich mich dann bemühen, einem Nichtgläubigen zu erklären, was die Gründe sind, die mich dazu bewegen, trotz der Religionskritik zu meinem Glauben zu stehen.«

Philosophische Argumente zur Gottesfrage behalten aber doch ihre aktuelle Gültigkeit, ruft Hegel in die Runde: »Im Erkennen Gottes beziehen wir uns auf eine göttliche Welt, in der alle Menschen sozusagen Kinder Gottes sind. Das heißt: Alle Menschen sind in gleicher Weise wertvoll und bedeutend. Und das gilt absolut, ist unumstößliche Wahrheit. Philosophische Gotteserkenntnis ist durchaus politisch zu verstehen im Sinne einer gerechten, brüderlichen Gesellschaft.«

Bevor die Runde ein letztes Gläschen trinkt, will Volker Gerhardt noch auf die spirituelle Bedeutung philosophischer Gotteserkenntnis hinweisen: »Ich denke, dass man heute vom Individuum her auf den Glauben zugeht. Deswegen braucht man die Kirche nicht notwendigerweise als einzelner Mensch. Man braucht keine Dogmen, sondern man kann aus der persönlichen Erfahrung heraus im Denken seine Beziehung zu Gott finden.«

Hegel hebt das Glas und sagt zum Schluss: »Trotzdem brauchen wir eine Gemeinschaft, eine Gemeinde der kritisch Denkenden, eine philosophische Gemeinschaft im Salon oder im philosophischen Café. Diese neue Gemeinde der Philosophen bestärkt uns auf dem Weg der Vernunft.«



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Sprecher
Zitator
4 O Töne, zus. 4 30“

Sprecher:
Wer den Philosophen Karl Jaspers in seiner Wohnung in Basel besuchte, traf einen heiteren, jedoch weiter lesen …