Interkultureller Dialog

Eine “multireligiöse Kirche”

4. September 2010 | Von CM | Kategorie: Interkultureller Dialog

Größer als der Gott Calvins
Eine holländische Pfarrerin gründet eine interreligiöse Gemeinde für »Patchwork-Religiöse« und Menschen auf der Suche

Von Christian Modehn, ein Beitrag für PUBLIK FORUM am 27. August 2010.

Ich bin Christ, praktiziere Zen-Meditation und schätze die buddhistische Spiritualität. Mein Freund ist liberaler Jude, aber auch eng verbunden mit der muslimischen Sufi-Tradition.« Solche Bekenntnisse hört man jetzt immer öfter. Wenn Menschen nicht mehr einer Religionsgemeinschaft folgen, sondern verschiedene spirituelle Traditionen zu einer neuen Einheit verbinden, spricht man von »Patchwork-Religiosität«. Ob dabei dann wirklich Patchwork, zu Deutsch: Flickwerk, entsteht oder eine harmonische Neuschöpfung, hängt von der religiösen Sensibilität der Person ab.

»Genau diesen Menschen will ich ein Angebot der Vertiefung und Begegnung machen«, sagt die holländische Theologin Joan Elkerbout. »Ich lade sie ein, eine Gemeinde zu bilden.« Die 40-Jährige hat selbst erfahren, dass der protestantische Glaube ihrer Familie nicht genügte, um entscheidende Lebensfragen zu beantworten. »Welche meditative Praxis haben denn zum Beispiel Protestanten?«, fragt die Pfarrerstochter. »Und ist Gott, das Geheimnis des Lebens, nicht größer als der Gott Calvins?«

Zunächst hat Joan Elkerbout Sozialarbeit studiert. Sie gründete ein erfolgreiches Beratungszentrum zur Abwehr aggressiven Verhaltens in Schule und Familie. Aber dann zog es sie doch zurück zu ihrem ursprünglichen Interesse an der Religion: In den USA lernte sie im Rahmen des Interfaith Movement die Mystiker der großen Religionen kennen. Die Bewegung für den interreligiösen Dialog unterhält dort inzwischen eine Reihe von Meditationszentren, Treffpunkten und Ausbildungsstätten. Dort wird auch ein neuer Typ von Pfarrerinnen und Pfarrern ausgebildet: Die Studierenden werden mit den großen Religionen vertraut gemacht und lernen, Gottesdienste mit Elementen aus verschiedenen Traditionen zu feiern. Die künftigen Pfarrer werden unterwiesen, neue Riten zu gestalten mit Menschen unterschiedlicher Spiritualität.

Im vergangenen Jahr wurde auch Joan Elkerbout zur »Interfaith«-Pfarrerin ordiniert. »Das war für mich ein wunderbares Ereignis: Die große neugotische Riverside Church in New York war überfüllt, dort haben auch Martin Luther King und Nelson Mandela schon gepredigt.« Die Feier ihrer Ordination wurde von Vertretern aller großen Weltreligionen begleitet. Auch die afrikanischen Religionen waren dabei, niemand sollte ausgeschlossen sein: »Denn uns geht es darum, das Gemeinsame und Verbindende aller spirituellen Traditionen freizulegen und zu fördern.«

Ihrer holländischen Gemeinschaft hat Joan Elkerbout den Namen Renais-Sense-Movement gegeben – ein anspruchsvoller Titel. Es geht um eine Art Wiedergeburt der Toleranz, um eine religiöse »Renaissance«. »Sense« steht für die Suche nach einem neuen Sinn der vielen Weisheitstraditionen. In ihren Gottesdiensten trägt Elkerbout Texte aus verschiedenen heiligen Schriften vor. »Dann schweigen und meditieren wir gemeinsam. Wir haben Rituale mit Licht und in der Natur, wir bieten sakralen Tanz. Es geht einzig darum, dem gemeinsamen Lebensgrund nahe zu kommen, den viele Gott nennen.«

Als einen ihrer Inspiratoren nennt Elkerbout den katholischen Mönch Wayne Teasdale (1945-2004). Er war nicht nur mit dem Philosophen Ken Wilber gut bekannt, sondern auch mit dem verstorbenen Benediktinerpater Bede Griffith, der viele Jahre in einem Ashram in Indien lebte, ganz dem Dialog mit den Hindus hingegeben. »Teasdale, der auch mit dem Dalai Lama befreundet war und sich für das Parlament der Weltreligionen eingesetzt hat, lehrte uns, dass die Zukunft der Menschheit im Dialog liegt, nicht im Konfessionalismus.«

Das neuartige Angebot einer multireligiösen Gemeinde ist auch eine ganz eigene Antwort auf die gesellschaftliche Entwicklung in Holland. Über die Hälfte der Menschen dort gehört keiner Kirche an, gibt sich aber in Umfragen »als spirituell interessiert« zu erkennen. »Friede beginnt damit, sich auch der Weltanschauung des anderen zu öffnen, von ihm zu lernen«, sagt Elkerbout. »Nur so wird Fremdheit überwunden. Die Basis erleben wir schon jetzt in der Gemeinde: Sie heißt nicht Lehre und Dogma, sondern Mitgefühl und Liebe.«

Die ersten Gottesdienste der neuen interreligiösen Gemeinschaft fanden in den Kirchen der freisinnigen Protestanten, der Remonstranten, statt. Je stärker aber die Bewegung wächst, umso dringender werden wohl eigene »Tempel«. Die interreligiöse Gemeinde könnte ein wichtiges Angebot in einer Gesellschaft werden, die rechtslastigen Politikern und erklärten Muslim-Feinden wie Geert Wilders immer stärkeren Raum gibt. Das Klima von Hass und Vorurteil zu überwinden ist eine dringende Aufgabe, der sich die großen Kirchen Hollands bisher nicht gestellt haben.

Kontakt: www.renaissensemovement.nl



“Mit sich selbst zu Rate gehen”: Philosophische Praxis

1. September 2010 | Von CM | Kategorie: Denkbar, Interkultureller Dialog

„Mit sich selbst zu Rate gehen“: Philosophische Praxis

Philosophie ist niemals nur eine Sache der Universitäten (oder, wie in Frankreich, der Schulen) gewesen. Aber erst in den letzten 30 – 40 Jahren lebt das Philosophieren und damit die Philosophie wieder deutlicher an der „Basis“. Diesen wichtigen Prozess begleiten und unterstützen vor allem philosophische Praktiker. Der Religionsphilosophische Salon bietet ein Interview mit Dr. Thomas Polednitschek, er ist philosophischer Praktiker in Münster. Im August 2010 hat er an der „10. Internationalen Konferenz Philosophischer Praktiker“ teilgenommen.

Welches Thema stand diesmal im Mittelpunkt?

Im Mittelpunkt der diesjährigen Konferenz im niederländischen Leusden stand das Thema “Erfahrung”. Philosophische Praktiker aus verschiedenen europäischen Ländern, aus den USA, aus Lateinamerika, Afrika und aus Korea diskutierten dieses Thema in zahlreichen angebotenen “Workshops”. Interessant z. B. der Workshop eines Praktikers aus Botswana, der junge Offiziersanwärter in der Armee “hinter” allem Gehorsam gegenüber der Befehlsgewalt mit seiner Arbeit zu autonom denkenden und selbstverantwortlich handelnden militärischen Führungskräften ausbilden will.

In welcher Weise wurden dabei unterschiedliche (internationale) Themen und Formen der “praktisch-philosophischen Arbeit” deutlich? Gibt es sozusagen “regionale Unterschiede”?

Ja, meiner Beobachtung nach gibt es diese Unterschiede durchaus, und zwar — oberflächlich betrachtet – zwischen einer mehr oder minder pragmatisch ausgerichteten anglo-amerikanischen Tradition und der kontinental-europäischen Denktradition. Für mich hat sich aber auf der Konferenz der Unterschied anders dargestellt, nämlich auf der einen Seite die Praktiker , die nur die “Denkwürdigkeit” der Praxis akzeptieren, nicht aber die praktische Relevanz der Theorie und auf der anderen Seite die Praktiker, die auf der Dialektik von Theorie und Praxis, von Denken und Erfahrung bestehen. Das ging nicht ohne Spannungen ab.

Sind Philosophische Praktiker “nur” in eigenen philosophischen Praxen tätig?

Nein, Philosophische Praktiker sind nicht nur in eigener Praxis, sondern z.B. auch mit Seminaren zu ethischen Fragestellungen im Wirtschaftsleben oder im Bildungssektor tätig. Dazu gehört z.B. in meiner Praxis die Seminarreihe” Was uns zu freien Menschen macht”. Hier werden “Schlüsselfiguren” unserer okzidentalen Denktradition auf ihr Freiheitsverständnis hin befragt. Es ist ja heute alles andere als von vornherein immer schon ausgemacht, wovon wir sprechen, wenn von der “Freiheit” die Rede ist.

Ist die Hauptaufgabe philosophischer Praxis die “Lebensberatung”?

Nein, die Hauptaufgabe Philosophischer Praxis ist nicht die Lebensberatung! Denn — entgegen einem weitverbreiteten Missverständnis – muss man sagen: Die Sache der Philosophischen Praxis ist nicht die Praxis der philosophischen Beratung, sondern die Sache der Philosophischen Praxis ist die Philosophie, zu der Philosophische Praxis mit ihrer Praxis des Philosophierens einen ganz neuen und eigenen Beitrag leistet! Philosophische Praxis hat nichts mit philosophischer Beratung zu tun, sondern mit der Praxis des Philosophierens, die es ihren Gästen oder Besuchern möglich macht, mit sich selbst zu Rate zu gehen. Die “Praxis des Philosophierens” und das dialogische Denken im Gespräch zwischen dem Praktiker und seinem Gast sind die zwei Seiten der einen Medaille.

Worin sehen Sie als philosophischer Praktiker die Bedeutung der Philosophie für die Lebensgestaltung des einzelnen?

“Geist ist das Leben, das selber in’s Leben schneide.” (Nietzsche). Die Bedeutung der Philosophie für die Lebensgestaltung des einzelnen sehe ich in einem philosophischen Denken, das “ins Leben eingreift” (Safranski). Eben ein solches Denken will die Praxis des Philosophierens in einer Philosophischen Praxis sein, denn Philosophische Praxis ist an einem Denken interessiert, das Menschen vitaler und wacher macht.

Weitere Informationen zue Philosophischen Praxis von Thomas Polednitschek:

http://www.pppolednitschek.de



Christen und Muslime gemeinsam auf Wallfahrt

27. Juli 2010 | Von CM | Kategorie: Interkultureller Dialog

Christen und Muslime gemeinsam auf Wallfahrt

Können Christen und Muslime gemeinsam in Westeuropa eine Wallfahrt unternehmen? Können Sie sich gemeinsam an einem Ort versammeln und dann einen christlichen Gottesdienst feiern und danach gemeinsam einer Lesung aus dem Koran folgen? Das ist keine rhetorische Frage: In der Bretagne, Frankreich, im Ort Vieux – Marché an den Cotes d Armor treffen sich schon seit 56 Jahren Menschen, die konfessionell zwar getrennt, aber doch in der grundlegenden Frage nach dem EINEN Gott gemeinsame Überzeugungen haben: Christen und Muslime. Immer an einem Juli Wochenende kommen einige hundert Pilger aus beiden Religionen zusammen. Äußerer Anlass ist die Erinnerung an 7 junge Männer, die im 3. Jahrhundert in Ephesus lebten. Während der Christenverfolgung wurden sie bei lebendigem Leib eingemauert, aber sie überlebten, so berichtet die Legende. Davon waren Christen wie Muslime später gleichermaßen beeindruckt. Muslime sehen im Überleben der Frommen einen Beweis für die Allmacht Allahs. In einer Sure des Koran werden die 7 Männer erwähnt. Das Wallfahrtsgeschehen verlagerte sich von Ephesus in die Bretagne…
In den letzten Jahren hat sich die Wallfahrt nach Vieux Marché zu einem Treffpunkt für Menschen entwickelt, die in christlich – muslimischen Mischehen leben. Hier können sie sich austauschen, gemeinsam feiern und an Konferenzen und interreligiösen Treffen teilnehmen. „Ein religiöses Ereignis zu haben, das uns gemeinsam ist, entspricht völlig unserem Wunsch, als christlich- muslimisches Paar eine gemeinsame spirituelle Basis zu haben“, berichtet Saida in der Tageszeitung La Croix, Paris, vom 22. 7. 2010. Inzwischen gibt es auch eine christlich – muslimische Wallfahrt nach Chartres. Frankreich scheint in der Hinsicht ohnehin etwas weiter entwickelt zu sein als Deutschland: Dort gibt es in zahlreichen Städten Gesprächskreise „Groupes de foyers islamo-chrétiens” (GFIC). Das Verhältnis zwischen beiden Religionen scheint dort etwas entspannter zu sein. Ich kann mich z.B. erinnern, wie ein Muslim kürzlich sein Abendgebet in einer Seitenkapelle der prächtigen Kirche Saint Sulpice in Paris ungestört gestalten konnte. Ob es wohl jemals in Deutschland gelingt, dass eine der leerstehenden Kirchen den Muslimen übergeben wird als Moschee? Ob es wohl jemals in Deutschland gelingt, dass eine der vielen leerstehenden Kirchen als Treffpunkte für Christen und Muslime gestaltet werden, vielleicht mit einem Wallfahrtsgeschehen oder gemeinsamen Konferenzen usw.? Warum ist die Last der christlichen dogmatischen Traditionen so groß, dass Christen nicht den ersten Schritt auf die Muslime hin tun können? Lieber werden Kirchen abgerissen oder verkauft als dass sie Muslims angeboten werden oder neue Konzepte interreligiöser Arbeit probiert werden. Diese geringe Kreativität, diesen geringen Mut, aufseiten der Kirchenführungen, empfinden viele Menschen einfach unerträglich. Einzige mir bekannte Ausnahme: Die Moschee in der Rozengracht in Amsterdam, nahe dem Anne Frank Haus, war früher eine Kirche…
PS: Ich habe übrigens in meinem Buch „Religion in Frankreich“, Güterlsloh, 1993, auf S. 137 f. als einer der ersten in Deutschland überhaupt auf diese gemeinsame Wallfahrt in der Bretagne hingewiesen. Das Buch „Religion in Frankreich“ ist noch antiquarisch zu haben.



Humanistischer Islam. Menschenrechte sind wichtiger als die religiösen Gesetze

7. März 2010 | Von CM | Kategorie: Denken und Glauben, Interkultureller Dialog

Für einen humanistischen Islam
Wenn Menschenrechte wichtiger sind als Gottes Gebote

Von Christian Modehn
Diesem Beitrag liegt eine Radiosendung für den NDR zugrunde.

„Ich habe persönlich nichts gegen den Koran. Ich bin damit aufgewachsen. Ich hab wohl etwas dagegen, dass man mit diesem Buch oder im Namen dieses Buches Menschen unterdrückt“.
Hamed Abdel – Samad weiß genau, wovon er spricht: 1972 in einem Dorf in Ägypten geboren, lernte er schon als Kind große Teile des Korans auswendig, eine Ehrensache für den Sohn eines Imams. Aber „Allah, der Barmherzige“, stand dem Knaben nicht bei, als Männer über ihn herfielen und vergewaltigen. Anzeige zu erstatten war unmöglich in einer Kultur, die jegliches Sprechen über Sexualität als ein Tabu betrachtet. Der Alltag war von Gewalt bestimmt: Der Hausvater durfte die „eigenwillige“ Mutter verprügeln und die Kinder „selbstverständlich“ auch. Mädchen mussten die Genitalverstümmelung über sich ergehen lassen, weil die Gebote des Korans es angeblich so verlangten. Erst in Europa hat sich Abdel – Samad aus der religiösen Unterdrückung befreien können. „Mein Abschied vom Himmel“ heißt sein neues Buch. Es ist ein Plädoyer für einen aufgeklärten, einen menschenfreundlichen Islam:
„Keine Kultur kann sich entwickeln, ohne sich anderen Kulturen gegenüber zu öffnen. So ging es allen Kulturen der Moderne, sie mussten sich dem Westen öffnen. Und nicht nur die Instrumente der Moderne, sondern auch den Geist der Moderne ausleihen. Das bedeutet Individualismus, Einhaltung der Menschenrechte, Selbstkritik“.
Seit 13 Jahren lebt Hamed Abdel – Samad in Deutschland. Hier hat er die demokratische Kultur des Westens schätzen gelernt, in München arbeitet er inzwischen als Politologe und Islamforscher. Sein arabischer Name bedeutet: „Dankbarer Sklave Gottes“. Dieser Bezeichnung will er heute nicht mehr entsprechen. Hamed Abdel – Samad schreibt in seinem Buch:
„Ich nahm Abschied von einem Glauben, der Andersdenkende und Andersgläubige schikaniert und die eigenen Anhänger in die Isolation treibt, so dass sie keine Antworten mehr auf das Weltgeschehen finden außer Wut und Verschwörungstheorien. Dieser Glaube macht die Menschen entweder passiv oder explosiv“.
Diese lebensfeindliche Alternative gilt es zu überwinden in einer radikalen Erneuerung des Islams:
„Ich würde es mir wünschen, dass mehr muslimische Intellektuelle in Europa sich für diese Reformen einsetzen. Ich sehe aber, dass viele von ihnen mit sich selbst beschäftigt sind, mit der bedingungslosen Verteidigung des Islam. Das hilft niemandem, das hilft Muslimen nicht, das hilft Europäern nicht. Wir haben hier eine privilegierte Situation, dass man in Freiheit lebt, dass man schreiben und sagen kann, was man will. Und statt sich für Reformen in der islamischen Welt einzusetzen, sind viele leider Gottes damit beschäftigt, das Islam Image aufzupolieren“.
Im deutschsprachigen Raum ist der Kreis der Reformer des Islams nicht sehr groß. Nur einige Intellektuelle treten in öffentlichen Debatten hervor. Die so genannte Basis, die „normalen Frommen“ und die Besucher von Moscheen, äußern sich kaum über die Qualität muslimischer Theologie. In der Schweiz allerdings gibt es seit 5 Jahren eine Art Bürgerbewegung für einen humanistischen Islam. Saida Keller – Messahli, in Tunesien geboren, hätte eigentlich in ihrer neuen Heimat, in Zürich, genug zu tun als Lehrerin für Romanistik. Aber sie wollte praktisch beweisen, dass es auch einen anderen, einen progressiven Islam geben kann.
„Mir wurde einfach klar, dass ich immer Unbehagen hatte, wenn ich Vertreter von islamischen Organisationen in der Schweiz hörte im Namen aller Muslime sprechen. Das hat mich unheimlich gestört. Weil die haben auch über mich gesprochen, für mich, und ich wollte das einfach nicht mehr. Und dann hab ich mir gesagt: jetzt mach du auch etwas, du kannst nicht nur klagen“,
Und so gründete Saida Keller Messahli das „Forum progressiver Islam“: In dem Gesprächskreis treffen sich Muslime, die den Glauben an Allah mit der demokratischen Kultur versöhnen wollen:
„Ich hatte diese Idee, dieses Forum zu gründen und hatte sehr viele Schwierigkeiten, Leute davon zu überzeugen. Die Reaktion war sehr ambivalent. Sicher dreiviertel der Leute, die ich gefragt, sagten: Wir müssen unbedingt so etwas machen. Aber: Ich würde mich nie getrauen, das zu machen. Also, die Angst vor den organisierten Muslimen! Und als ich merkte, das viele Angst haben, war mir wie zusätzlicher Antrieb, unbedingt das zu machen. Weil ich dachte, das kann es ja nicht sein, dass alle schweigen“.
Inzwischen setzen sich 150 Frauen und Männer in der Schweiz für einen humanistischen Islam ein. Ihnen ist das kritische Studium des Korans besonders wichtig:
„Diese heilige Schrift ist aus dem 7. Jahrhundert, und wir leben im 21. Jahrhundert. Und es kann nicht sein, dass wir die Entwicklung von 1400 Jahren in der Menschheitsgeschichte einfach ignorieren. Das heißt: Wenn diese Vorschrift sagt: Einem Dieb muss man den Arm abhacken, das macht man heute in Saudi Arabien oder in Afghanistan oder in Pakistan, dann sagen wir: Das darf nicht sein: Jeder Mensch ein schützenswertes Menschenrecht auf körperliche Integrität hat. Also ist diese Vorschrift wegzuschaffen. Menschenrechte, demokratische Regeln und internationales Recht sollen höher gewertet sein und stehen höher als jede religiöse Vorschrift“.
Die Reformvorschläge könnten radikaler kaum sein: Menschenrechte sollen im Islam wichtiger sein als religiöse Gesetze. Und die menschliche Vernunft soll darüber entscheiden, welche religiösen Traditionen heute noch Gültigkeit haben. Nur in dieser Haltung glaubt Saida Keller – Messahli den religiös gefärbten islamischen Extremismus abwehren zu können:
„Der Missbrauch dieser heiligen Schrift ist enorm. Wer ist schon demokratisch an die Macht gekommen? Niemand. Jedes Staatsoberhaupt legitimiert seine Macht durch Gott“.
Die Reform – Muslima erinnert sich bei aller Kritik gern an die Traditionen eines menschenfreundlichen islamischen Glaubens.
„Meine Eltern konnten weder lesen noch schreiben. Und dennoch: Ich vermisse ihre Haltung zur Religion so stark wie nie. Sie haben den Islam so humorvoll gelebt. Mein Vater trank sehr gern Wein z.B. Und wenn ihm einer wagte zu sagen, warum trinkst du? Dann sagte er: Hör mal zu: Glaube hat gar nichts damit zu tun, was ich in meinem Glas habe. Belästige mich nicht mehr. Mein Vater war Bauer, meine Mutter Hausfrau, und haben für sich die Haltung entwickelt, dass man die Großzügigkeit haben muss zu akzeptieren, dass ein anderer Religion anders macht“.
…und eben auch andere Kleider trägt als seine Nachbarin:
„Mein Problem ist, dass jene Frauen, die die Burka tragen, mich diskriminieren. Und das kann ich nicht akzeptieren, Wenn sie das einfach für sich machen würden. Das Problem ist, dass sie das im öffentlichen Raum tun und immer mit dem immanenten Vorwurf gegen alle anderen, die das nicht so machen. Es gibt Kopftuch und Kopftuch. Es gibt Kopftücher, die sind politisch dermaßen aufgeladen, die empfinde ich als Affront. Und es gibt ein Kopftuch, so wie es meine Mutter trägt, wo man die Haare auch sehen darf, das überhaupt nicht politisch aufgeladen ist“.
Aber die politischen Machthaber haben einen totalen Anspruch: Über ihre Kleider Vorschriften wollen sie auch die Sexualität kontrollieren.
„Die ganze Verhüllungsgeschichte, das machen sie, weil sie ein riesiges Problem mit der Sexualität haben im Leben. Und dieses Problem ist so gigantisch, es findet hinter der Kulisse statt und nur nach ganz bestimmten festgelegten Regeln, also vor der Ehe nicht, nach der Ehe nicht. Dadurch haben diese jungen Männer keine Möglichkeit, eine Erfahrung zu machen mit einer Frau, weil die Frau darf auch keine Sexualität aus leben vor der Ehe. Und sehr oft sind die Männer von Natur aus gar nicht homosexuell, sondern sie haben keine andere Wahl, als ihre sexuellen Erfahrungen mit einem Mann zu machen, d.h. sie werden gezwungen, etwas zu machen, was sie gar nicht wollen. Das ist politisch bedingt und auch sozial bedingt“.
Die Reform des Islams kann auf die freie Aussprache über die Sexualität und die Rechte der Frauen niemals verzichten. Manchmal können solche Gespräche auch in der Öffentlichkeit arabischer Länder angestoßen werden. Die Politologin Elham Manea hat das erlebt. Sie stammt aus dem Jemen; auf beinahe wunderbare Weise konnte sie ihr Buch über die „Frauenfrage im Islam“ noch in der muslimischen Welt veröffentlichen:
„Dass ich das gemacht habe auf Arabisch, publiziert in Beirut, aber auch in Jemen, war einfach klar und deutlich meine Meinung betreffend Frauenrechte, Frauensituationen in unserer Gesellschaft klar und deutlich zu sagen.
Es wurde als Skandal betrachtet am Anfang, aber die Tatsache, dass ich das überlebte, hat mir wie einen Schwupps gegeben.
Vor dem 11. Sept. habe ich nichts gesagt. Ich habe einfach geschluckt,
Wenn man nicht dagegen steht, dann macht man mit auch“.
Elham Manea lebt inzwischen in der Schweiz, auch sie ist Mitglied des Forums für einen humanistischen Islam. Die Kritik an einem machtvollen Islam ist für sie selbstverständlich; aber sie legt Wert darauf, nicht mit einer Atheistin, einer „Ex-Muslimin“ verwechselt zu werden.
„Es geht um humanistischen Islam, d.h.in unserer Freiheit unser Leben zu gestalten, wie wir wollen“.
Elham Manea hat ihre Lebensphilosophie in ihrem Buch „Ich will nicht mehr schweigen“ auf den Punkt gebracht:
„Ich bin in erster Linie Humanistin, dann Araberin und an dritter Stelle Muslimin“.
Als Dozentin an der Universität Zürich hat sie den Mut, öffentlich das dringendste Thema zu besprechen, die „Natur“ des Korans, seine Textgestalt.
„Wenn wir eine Reformation wirklich durchsetzen wollen, dann müssen wir auch mit der Natur des Koran umgehen. Es geht um eine menschliche Natur von dem heiligen Text. Die Koranverse wurden von Menschen gesammelt, von Menschen geschrieben“.
Worte, die für die meisten Muslime heute als einen Skandal empfinden. Denn sie werden seit Jahrhunderten von ihren Herrschern belehrt: Der Koran sei eine völlig eigenständige Literaturgattung, sie entziehe sich dem vernünftigem Begreifen des Menschen. Als „ewiges Wort Gottes“ sollte man den Text nicht in den Zusammenhang der Geschichte stellen. Aber gerade davon sind heute humanistische Islamtheologen überzeugt. Weltweit bekannt ist z.B. der Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid. Er plädierte schon 1990 in seiner Heimat für eine menschliche Verstehensweise des „Heiligen Buches“. Ihm gelang der Nachweis, dass mehrere Autoren die einzelnen Verse des Korans zu einem Buch zusammengefügt haben. Wegen dieser historisch – kritischen Koranlektüre wurde Abu Zaid als Apostat, als Atheist, verurteilt, er musste nach Holland fliehen. Heute ist er Professor an der Humanistischen Universität von Utrecht:
„Mein Konzept eines humanistischen Islam besteht darin, die wirklich menschlichen Elemente des Korans aufzuzeigen. D.h. wir gehen zum Text zurück und entdecken dabei, was noch bedeutsam ist für unsere heutige moderne Zeit. Dabei kann nur die Vernunft entscheiden, was wirklich Offenbarung Gottes ist. Wir müssen dringend daran weiter arbeiten! Wir müssen diese Fragen weiter pflegen, um gegen die Tabus zu kämpfen“.
Die Autoren des Korans konnten wie alle anderen spirituellen Schriftsteller gar nicht anders, als ihre eigenen begrenzten Traditionen mit allgemein gültigen Weisheitslehren zu vermischen. Historisch Bedingtes muss nun von bleibend Gültigen unterschieden werden. Daran arbeiten die Reformer des Islams heute. Einer von ihnen ist Rachid Benzine, er stammt aus Marokko und lehrt heute als Islamwissenschaftler im französischen Aix en Provence:
„Unsere Dogmen wurden in der Geschichte erarbeitet, sie sind die Ergebnisse der Geschichte, sie sind an einen bestimmten Zeitpunkt gebunden. Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem universalen Gedanken des Korans und seiner historischen Sprache. Es muss ein neues Verständnis des Korans entstehen, einen neuen Horizont, in dem sich sein Sinn zeigt, eine neue Hoffnung gerade für Leute, die heute an ihm verzweifeln. Denn im Namen unumstößlicher Wahrheiten hat man Menschen ermordet, die nicht die gleiche Glaubenswahrheit teilen. Wir müssen heute verstehen, dass es keine Religion gibt, die vollständig wahr oder vollständig falsch ist. Wir müssen die Relativität der Glaubenssysteme erkennen. Wenn wir unsere religiösen Texte betrachten, die sich als Wort Gottes verstehen, dann gibt es immer darin angeblich Worte des Lebens, die sich aber in Worte des Todes verwandeln“.
Vorbilder für ihre tolerante Glaubenshaltung finden die Islam Reformer in der weiten Vergangenheit, etwa bei den Sufi Mystikern im Mittelalter, wie z.B. bei Ibn Arabi, der im 12. Jahrhundert in Andalusien lebte und dort schrieb:
„Mein Herz ist bereit zur Aufnahme von jeder religiösen Form. Mein Herz wurde ein Kloster für Mönche, ein Tempel für heidnische Götter und die Kaaba des muslimischen Pilgers, mein Herz wurde ein Platz für die Tafeln der jüdischen Tora und der Lehren des Korans. Ich folge einzig der Religion der Liebe“.
Diese mystischen Traditionen der religiösen Toleranz gingen im Islam nie ganz verloren. Und auch das kritische Forschen ist nie ganz verloren gegangen. Aber Islam – Wissenschaftler riskierten ihr Leben, als sie schon Anfang des 20. Jahrhunderts den Koran als einen literarischen Text interpretierten, wie die Professoren Al-Khuli oder Ahmand Kalafallah in Ägypten.
Die heutigen Reformer des Islams arbeiten eng mit nicht – muslimischen Wissenschaftlern zusammen. Georges Tamer z.B. arbeitet an der Ohio State University. Er ist Christ und stammt aus dem Libanon. In Deutschland hat er Islamwissenschaften studiert. Tamer setzt sich mit fundamentalistischen Strömungen auseinander, die behaupten: Heutige Herrscher in arabischen Staaten müssen Weltliches und Religiöses in einer Hand vereinen. Professor Tamer:
„Nur zu Zeiten des Propheten waren die Belange des Staates und einer religiösen Gemeinschaft in einer Hand. Das ist aber die prophetische Ära im Islam. Der Anspruch, dass man beides in einem haben müsse, ist einfach der Anspruch, die prophetische Ära wieder zu beleben. Und das kann nicht möglich sein, weil man dafür einen Propheten braucht. Und es gibt im Islam die Lehre, dass Mohammed der letzte Prophet ist. Die prophetische Ära ist auch nach gutem islamischen Verständnis schon vorbei. Und nicht wiederholbar“.
Eine fundamentalistische Verschmelzung von weltlicher Herrschaft und religiöser Führung verbietet der Koran, eine Erkenntnis, die für Länder wie den Iran oder Saudi Arabien wie eine Art Kriegserklärung erscheinen muss. Der Staat, so heißt es dort, solle völlig von der Scharia, dem religiösen Gesetz, bestimmt sein. Wie reagieren die Studenten, wenn diese Ideologie zurückgewiesen wird? Professor Tamer:
„Es ist immer beim ersten Mal ein Schock. Aber wenn man intensiver ins Gespräch einsteigt und auf Dauer wirken solche Gespräche einiges. Es hat Auswirkungen auch in muslimischen Gesellschaften. Ich bin davon überzeugt, dass solche Bemühungen ausstrahlen“.
Über das Internet werden diese weltweit verbreitet. Auch das gebildete Publikum in der arabischen Welt verlangt förmlich nach wissenschaftlichen Informationen. Hamded Abdel – Samad musste sein Buch „Abschied vom Himmel“ allerdings offiziell einen „Roman“ nennen, um vor der ägyptischen Zensur bestehen zu können:
„Also ich spreche nicht nur in islamischen Kreisen in Deutschland darüber. Ich spreche in Ägypten und in arabischen Ländern. Ich schreibe auch darüber wöchentlich in einer ägyptischen Zeitung. Und das, was ich hier sage, sage ich in der islamischen Welt. Ich habe auch viel Wert darauf gelegt, dass das Buch zuerst auch in Ägypten erschienen war“.
Mit den Islam Reformern im Westen arbeiten bereits einzelne Wissenschaftler in arabischen Ländern zusammen. Saida Keller Messahli berichtet von einer befreundeten Islam Spezialistin in Nordafrika:
„Die forscht auch über Tabuthemen, und macht das clandestin. D.h. ihre Forschung darf sie nicht gegen außen vertreten. Sie forscht über Apostasie. Das ist ein absolutes Tabu. Wenn jemand von Ihnen erfährt, dass sie sich offiziell von Gott verabschiedet haben, dann riskieren sie ihr Leben. Und sie trifft diese Leute, zuerst anonym, sie schickt ihnen Fragebogen, und spielen sich sehr viele Tragödien ab in diesem Sinn“.
Die Vertreter des humanistischen Islams sind vor allem Kritiker ihrer Religion. Aber sie fühlen sich als Demokraten immer auch den Menschenrechten verpflichtet und damit der Religionsfreiheit. Darum erheben sie nach wie vor ihre Stimme, etwa gegen den Baustopp von Minaretten etwa in der Schweiz:
„Man kann nicht den Bau eines Minaretts in der Verfassung verbieten. Religionsfreiheit heißt nicht nur, seine Religion frei wählen zu können, es heißt auch, seine Religion praktizieren u können.
Ich hab sehr viel auszusetzen an islamischen Organisationen in der Schweiz, das ich tu ich regelmäßig. Aber man kann nicht ein Menschenrecht beschneiden mit der Begründung von Ehrenmorden oder was auch immer .Sie verhindern keine Ehrenmorde, wenn sie einen Turm verbieten“.
Wieder den Sinn für Nuancen entwickeln und Pauschalurteile zurückweisen: Elham Manea widerspricht in ihrem Buch „Ich will nicht mehr schweigen“ z. B. dem beliebten Klischee, „die“ Terroristen aus der arabischen Welt seien nur „islamisch“ geprägt:
„Die Menschen, die diese Gräueltaten begingen, benutzten den Islam als Rechtfertigung für ihr Handeln. Aber die Verwendung des Adjektivs „islamisch“ trägt nicht dazu bei, den Feind greifbarer zu machen. Sie fördert lediglich seine Obskurität, was das Angstgefühl noch verstärkte“.
Denn die Terroristen sind vor aller religiösen Identität zuerst Mörder und Verbrecher, Menschen, die auf diese Weise ihre Frustration über die eigenen korrupten Herrscher oder die „westliche Dekadenz“ „abarbeiten“ wollen. …Angesichts dieser Verhältnisse erwarten die Reformer keinen unmittelbaren Erfolg ihrer Arbeit, betont Elham Manea:
„Ich werde nicht versuchen, die Generationen, die jetzt hier leben, zu ändern. Ich versuche eher die Jungen, die in die Schule gehen, zu ändern. Es ist wichtig, dass wir mit dieser Generation arbeiten, dass wir ihnen eine Alternative bieten.
Es gibt es die andere, die offen sind, die sind bereit, einen anderen Weg zu haben“.
Die Reformer des Islam sind nicht bereit, Demokratie und Menschenrechte nur als begrenzten Ausdruck ausschließlich westlicher Werte anzusehen. Sie sind überzeugt: Demokratie und Menschenrechte sind von universaler Bedeutung für alle Menschen, selbst wenn sie in einer bestimmten Tradition Europas entstanden sind. Und den Glauben des einzelnen in die Privatsphäre zu setzen, ist nicht bloß für Europäer oder Christen gültig: Saida Keller Messahli:
„Die Glaubensfrage ist eigentlich die intimste Frage, die man jemandem stellen kann. Es ist immer ein Missverständnis zu meinen, das Intimste sei der Körper. Das ist ein absolutes Missverständnis. Das Intimste ist die Glaubensfrage, d.h. jene Frage, die ein Mensch zuinnerst mit sich herumträgt, und diese Frage muss ich ja niemandem beantworten. Es ist mein Recht, diese Frage für mich zu behalten, nicht so dogmatisch zu glauben wie von mir erwartet wird. Ja, ich nehme mir diese Freiheit“.
Der Humanistische Islam wird Zukunft haben, weil sich die Muslime nicht mehr davon abbringen lassen, ihren eigenen, individuell gefärbten Glauben zu pflegen: Elham Manea:
„Ich glaube an Gott, ich glaube nicht an einen Text, ich glaube nicht an ein Buch. Ich glaube an Gott. Und es bleibt diese spirituelle Beziehung, trotz aller meiner Zweifel, aller meiner Rationalität bis heute. Religion lebt noch, aber in verschiedenen Formen privater Sphäre, man sieht einfach das nicht, das ist alles“.
In der „privaten“ Welt lebt die Religion, und dort bildet sich auch eine neue Spiritualität. Islam Reformer wie Hamded Abdel Samad stellen sich die Frage: Wie kann in dieser individualistischen Frömmigkeit Gott beschrieben werden?
„Das, was jeder für sich selber entdeckt, und nicht irgendjemand von oben, der das diktiert. Nicht der Patriarch, der über alles herrscht. Kein Gott, der nur diktiert, aber niemals verhandelt“.
Hamed Abdel – Samad hat sich von einem feudalistischen, wenn nicht diktatorischen Gottesbild befreit zugunsten eines Gottes, der als „oberster Garant der Demokratie“! verehrt werden kann. Dass diese Überzeugung keine neue ideologische Verblendung ist, steht außer Frage: Denn Gott, der Barmherzige, kann nur als Menschenfreund verehrt werden, wenn er tatsächlich in gleicher Weise aller Menschen Freund ist, vor allem der Unterdrückten. Aber diese Überzeugung heute öffentlich zu äußern, ist lebensgefährlich: In seinem Buch „Mein Abschied vom Himmel“ schreibt Hamed Abdel Samad:
„Vor dreizehn Jahren verließ ich Ägypten mit der Hoffnung, in Freiheit leben zu können. Nun bin ich sogar mitten in Europa auf Polizeischutz angewiesen, weil ich von meinem Recht auf freie Meinung Gebrauch mache. Ich bin lediglich Teil eines Konfliktes zwischen Absolutismus und Ambivalenz, Dogma und Vernunft, Monokultur und Vielfalt. Dieser Konflikt beschränkt sich allerdings nicht auf den Islam“.

Literatur:
Hamed Abdel – Samad, Mein Sbschied vom Himmel. Fackelträger Verlag, Köln, 2009, 312 Seiten, 19.50 Euro.

Elham Manea, Ich will nicht mehr schweigen. Herder Verlag 2009, 200 Seiten. 17,95 Euro.

Nasr Hamid Abu Zaid, Gottes Menschenwort. Für ein humanistisches Verständnis des Koran. Herder verlag 2008, 235 Seiten. 15 Euro.



Haiti: Das uralte Gift des Rassismus

26. Januar 2010 | Von CM | Kategorie: Befreiung, Interkultureller Dialog

Die Diskussionen – auch in unserem religionsphilosophischen Salon -  über HAITI gehen weiter.  Die Katastrophe dort hatte schon vor dem Erdbeben begonnen: Der Mangel an jeglicher Infrastruktur behindert heute die Rettung und Aufbauarbeit. Gibt es auch Gründe für dieses Disaster im Bereich der Mentalitäten?

Das uralte Gift des Rassismus: Was Haiti im Innern zerstört

Von Christian Modehn

Für ihre Befreiung aus der Sklaverei hatten sie wahnsinnigen Mut aufgebracht. Ohne strategische Erfahrung glaubten die Schwarzen an den Erfolg ihres Aufstandes. Sie hatten die Gunst der Stunde erkannt und die revolutionäre Entwicklung in Frankreich mit der Erklärung der Menschenrechte für sich selbst genutzt. Selbst gegen Napoléon konnten sie sich durchsetzen, im Kampf gab tausende von Toten auf beiden Seiten. Die Befreiung aus der jahrhundertealten blutigen Sklaverei gelang nur mit einem enormen „Blutbad“. Das hat sich in das Gedächtnis des Volkes tief eingegraben. Am 1. 1. 1804 wurde die erste Republik auf dem südamerikanischem Kontinent ausgerufen. Gedemütigte, wie Tiere behandelte schwarze Sklaven hatten sich selbst befreit. Für die meisten Europäer war dies eine enorme Erniedrigung. Die USA sprachen sich schon 1806 für einen Handelsboykott aus. Als sich die vertriebenen französischen Eigentümer der Zuckerrohrplantagen gemütlich in Paris niedergelassen hatten, präsentierte der französische Staat eine furchtbare Rechnung: Die junge Republik der Schwarzen musste 150 Millionen (damaliger) Francs, umgerechnet 21 Milliarden US Dollar,  als „Entschädigung“ zahlen. Eine maßlose Summe, Ausdruck rassistischen Denkens, so sollten die befreiten Sklaven nun ökonomisch erneut zu versklavt werden.

Dabei waren die Kolonisten bereits zu immensem Reichtum gekommen, Haiti galt weltweit als die lukrativste Kolonie überhaupt. Aber die neuen „freien“ Herrscher in Haiti waren so eingeschüchtert, dass sie treu und brav die Zahlungen der „Wiedergutmachung“ leisteten.

Haiti war als freie Republik revolutionärer Sklaven von Anfang an auch diplomatisch völlig isoliert. Kein Staat respektierte das Land. Simon Bolivar, der berühmte „Befreier“ Venezuelas und Kolumbiens, fand 1815 Zuflucht in Haiti, später durften ihm noch schwarze Soldaten in seiner Heimat zur Seite stehen. Aber bei zunehmendem Erfolg ließ selbst er Haiti fallen. Die USA fürchteten, die Sklaven im eigenen Land könnten sich an Haiti ein Beispiel nehmen. Auch der Vatikan hat fast 60 Jahre gewartet, ehe er die Republik der Schwarzen anerkannte, obwohl deren Politiker immer wieder um Nonnen und Priester zum Aufbau eines guten Schulwesens gebettelt hatten. Die schwarzen Politiker galten den Päpsten als „zu aufmüpfig“…

Die Befreier Haitis waren seelisch tief verwundet nach all den Jahren der Sklaverei. Und sie folgten dem Denkschema ihrer Herren: der  Unterscheidung zwischen Oben und Unten, zwischen wertvoll und minderwertig. Schwarze bekämpften die wenigen im Land verbliebenen, etwas besser gebildeten Mulatten, und die wiederum verachteten die „dummen Neger“. Dieses rassistisch geprägte Gegeneinander durchzieht die politische Geschichte Haitis bis heute.

Schon in den ersten Jahren war das Land gespalten: In der Republik im Süden regierten Mulatten, im Norden hatten Schwarze ein Kaiserreich geschaffen, mit den absurdesten Formen eines Hofstaates etwa unter Jacques I., Henri I. oder Faustin I. Dieser verübte unsägliche Massaker an Mulatten. Seinen Spuren folgte der Gewaltherrscher Francois Dauvailier, ein Schwarzer, der von seiner „Tropen SS“, den Tontons Macoutes, vor allem Mulatten tötete. Ein Grund für das klägliche Ende des ersten frei gewählten Präsidenten, des Armenpriester Aristide, ist sicher auch die Ablehnung, die er, der Schwarze, von der reichen Oberschicht der Mulatten erfuhr. Die hatten sich in Pétionville nahe der Hauptstadt in ihren Luxusvillen eingebunkert. Beim Erdebeben blieben diese bestens ausgestatteten Paläste weithin verschont!

Der ökonomische Niedergang begann mit der Ablehnung der Schwarzen, weiterhin die Plantagen, ihre Orte des Schreckens, zu kultivieren. Die einstigen Sklaven dachten nur an ihr Eigentum, an ihre kleinen Parzellen Land, um den Eigenbedarf zu decken. Haiti verarmte so sehr, dass seit Beginn des 20. Jahrhunderts sogar Zucker importiert werde musste. 1915 (bis 1934) besetzten die USA das Karibikland. Sie redeten dem erbärmlichen Volk ein, die Schulden gegenüber Frankreich am besten durch Kredite in den USA zu bezahlen. Als Zeichen der „Anerkennung“ durften die USA dann mit extrem niedrigen Lohnkosten in Haiti produzieren. Haitis Menschen wurden seit der großen Befreiung immer wieder reingelegt, betrogen, gedemütigt. „Das pyramidale Herrschaftsmodell aus Kolonialzeiten wurde dem freien Haiti übergestülpt, in diesem vegetieren die Nachkommen der Sklaven bis heute“, schreibt der Haitispezialist, der Soziologe F. Saint-Louis. (1

Zwei wichtige Studien:

Fridolin Saint- Louis, „Le Voudou Haitien“, Paris, Ed. L`Harmattan, 2000

-und auf das grundlegende Buch von Walter l. Bernecker „Kleine Geschichte Haitis“. Suhrkamp Vl., Frankfurt 1996.



Werden aus Feinden nun Freunde? Wie die Dominikanische Republik jetzt Haiti hilft

25. Januar 2010 | Von CM | Kategorie: Befreiung, Interkultureller Dialog

In unserem Religionsphilosophischen Salon werden immer wieder auch Fragen einer gerechteren Friedensordnung diskutiert, nicht nur im Sinne Kants, der ja schon einen “Bund der Nationen” vorgeschlagen hat, sondern auch im überschaubaren Rahmen, etwa in der Beziehung zwischen zwei Staaten. Kann aus einer Katastrophe, wie jetzt in Haiti, auch ein positiver Effekt folgen? Können bislang verfeindete Menschen über ihren Schatten springen? Wir haben den Eindruck, dass es bemerkenswerte, positive Tendenzen gibt in der Beziehung der Dominikanischen Republik zu Haiti.  Weil mindestens 1 Million Deutsche als Touristen mit der Dominikanischen Republik in irgendeiner Weise verbunden sind, ist dieses Thema alles andere als ein “Randthema”. Es verdient viel Aufmeksamkeit gerade im Zusammenhang von “Völkerverständigung”.

Werden aus Feinden Freunde?

Haiti und de Dominikanische Republik: Wirkungen der Katastrophe

Von Christian Modehn

Helfer aus der Dominikanischen Republik waren (wie die Kubaner) die ersten, die sich in Haitis Hauptstadt Port – au – Prince um die Bergung von Verschütteten kümmerten. Die schnelle Hilfe ist eigentlich selbstverständlich, denn die beiden Länder sind Nachbarn auf der Insel „Hispaniola“. Seit dem 13. Januar ist die Solidarität ungebrochen. „Wir müssen jetzt die beste Hilfe für Haiti leisten“, sagt Carlos Morales Troncoso, Außenminister der Dominikanischen Republik. Erstaunliche Worte: Denn bis zum 12.Januar waren die Beziehungen zwischen beiden Ländern alles andere als freundlich. Mindestens 500.000 Haitianer arbeiten in der Dominikanischen Republik auf Zuckerrohrplantagen oder auf Baustellen. Sie hausen in erbärmlichen Unterkünften, werden miserabel bezahlt, verfügen über keine Rechte. Sie sind als „Neger“ die Untermenschen, sprechen Kreolisch und nicht Spanisch wie die Dominikaner. Und die sind mehrheitlich zwar Mulatten, aber stolz darauf, „zur weißen Rasse zu gehören“. Die dominikanische Polizei verschleppt die „Gastarbeiter“ immer wieder, führt sie zur Grenze, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Kinder werden von ihren Eltern getrennt, der hart verdiente Lohn verschwindet in den Taschen der Zwischenhändler. Menschenrechtsorganisationen haben die Dominikanische Republik mehrfach wegen sklavenähnlicher Verhältnisse angeklagt. Bisher gab es keine Verbesserung der Gesetze, die Mentalitäten der meisten scheinen versteinert zu sein. Ungestraft blieb schon das große Massaker an Haitianern,  als der dominikanische Diktatur Trujillo vom 2. Bis 4. Oktober 1937 mindestens 20.000 wehrlose Haitianer hinrichten ließ, ein Akt der „Abschreckung, Symbol für angebliche Überlegenheit, Ausdruck rassistischen Wahns. Schwarze  mussten an der Grenze das spanische Wort perejil, (Petersilie) korrekt aussprechen: Wer das r korrekt spanisch „rollte“ und das j wie ein ch aussprach, galt als Dominikaner. Wer es nicht schaffte, war Haitianer, er wurde ermordet. Trujillo fand sich später bereit, 750.000 Dollar „Entschädigung“ zu zahlen. Das Geld erreichte die Hinterbliebenen nie, die Regierung in Haiti steckte es sich in die eigene Tasche.

Der Massenmord sollten das Unrecht rächen, das die Dominikaner im 19. Jahrhundert von Haiti aus erlebten:  Schon 1801 besetzten die „befreiten Sklaven“ das Gebiet der heutigen Dominkanischen Republik. Von 1822 bis 1843 gab es dort ein Regime haitianischer Diktatoren, denn sie fühlten sich von allen Seiten bedroht. Selbst nach der Unabhängigkeit der Dominikanischen Republik 1844 besetzten Haitis Truppen noch einmal das Land. Die seelischen Verletzungen auf beiden Seiten der Insel wurden nie besprochen, geschweige denn bearbeitet oder „geheilt“.

Jetzt gibt es eine reale Chance, dass angesichts der Katastrophe neue Beziehungen möglich werden: Die Dominikanische Regierung hat sofort 231 Millionen Dominikanische Pesos (fast eine halbe Million Euro) für das Nachbarland Haiti zur Verfügung gestellt. Sonia Pierre, inzwischen weltbekannte Menschenrechtsaktivistin in Santo Domingo, muss diesmal sogar die Regierung loben: „Ohne die Hilfe des dominikanischen Staates wäre die Tragödie in Haiti noch größer“. Aber: Bei einem „Marathon“ auf allen dominikanischen TV -  und Radioprogrammen wurden 55 Millionen Pesos (ca. 110.000 Euro) gespendet, eine beträchtliche Summe! Denn den meisten Dominikanern geht es ökonomisch zwar etwas besser geht als den Haitianern, aber auch sie leben nicht in einem reichen Land. Auch Santo Domingo gibt es große Slums! Aber die Leute lassen sich anrühren: Künstler, wie der berühmte Merengue Sänger Juan Luis Guerra von Santo Domingo, sammeln Geld, sie fahren über die Grenze, bieten ihre Hilfe an. Die Bischöfe weisen jetzt jegliches „nationalistisches Denken“ zurück. Die Kirchengemeinden an der Grenze, selbst bettelarm, nehmen sich der verzweifelten Menschen an. Mehr als 15. 000 verletzte Haitianer wurden in der ersten Woche in dominikanischen Kliniken versorgt. Die Regierung in Port au Prince hat zugestimmt, dass sich sogar 150 dominikanische Soldaten um die Sicherung der Straßen in Haiti kümmern können, allerdings unter der Leitung peruanischer „UNO – Soldaten“.

Eine allgemeine Öffnung der Grenze kommt für die dominikanischen Behörden nicht in Frage: Es wäre wohl vorauszusehen, so heißt es, dass viele tausend Haitianer ins Land strömen würden. „So viele Menschen könnten wir bei unserer Infrastruktur auch nicht betreuen“, sagen dominikanische Politiker. Und damit haben sie wohl recht.



Perry Schmidt -Leukel plädiert für multireligiöse Bindungen

29. November 2009 | Von CM | Kategorie: Interkultureller Dialog

Vorschläge von Prof. Perry Schmidt Leukel, Münster

In einem Interview am 21. 11. 2008:

Unterschiedliche spirituelle Traditionen, gut ausgewählt und mit Bedacht praktiziert, erschließen die unausschöpfliche Tiefe der göttlichen Wirklichkeit. Wie in einem Kunstwerk fügen diese Menschen verschiedene Elemente zur Einheit zusammen. Theologen sprechen darum in einem positiven Sinn von Patchwork – Religiosität. Wer Geschmack an mehreren Religionen findet, sollte sich seine Vorliebe nicht schlecht reden lassen, meint der Theologe und Religionswissenschaftler Perry Schmidt – Leukel. Als katholischer Theologe hat er selbst die Grenzen konfessioneller Kirchlichkeit kennen gelernt, als ihm die Bischöfe in Bayern die Lehrbefugnis verweigerten wegen seiner Interessen am interreligiösen Dialog. An der Universität von Glasgow, Schottland, konnte er hingegen SEIN Thema, die „multireligiöse Bindung“,  weiter bearbeiten. Inzwischen ist er Mitglied der schottischen Episcopal Church.  Seit kurzer Zeit lehrt er in Münster. Dieses Auf und Ab im eigenen Leben ist für Perry Schmidt Leukel aber kein Grund, sich den Geschmack an der Vielfalt der Religionen verderben zu lassen.

„Man hat dafür auch den Begriff geprägt,  dass Menschen heute zunehmend Religion à la carte haben. Andere haben darauf hingewiesen,  auch von soziologischer Seite, dass jemand, der also kein fertiges Menu im Restaurant bestellt, sondern sein Essen à la carte aussucht, ja durchaus in der Regel bereit ist, mehr auszugeben und eventuell auch bewusster wählt. Wenn jemand à la carte isst, heißt das ja nicht,  dass er als Vorspeise, als Hauptgericht, als Nachtisch dreimal nur Süßspeise wählt. Das kann durchaus gelegentlich Mal der Fall sein. Es kann aber durchaus sein, dass jeder von allem, was es gibt, jeweils die gesündesten Dinge aussucht. Und ich denke, das gilt auch für diese Patchwork – Religiositäten“.

Multireligiöse Mystiker halten nichts von Propaganda und Werbekampagnen. Sie treten nicht ständig in die Öffentlichkeit. So ist ihre genaue Anzahl schwer zu ermitteln. Immerhin haben sie in Holland ihren eigenen Internetaufritt, und im englisch – sprachigen Raum gilt „Multireligiös“ bereits als Trend, hat der Theologe und Religionswissenschaftler Perry Schmidt Leukel beobachten können:

„Früher war der Gedanke eines Entweder Oder. Entweder die eine Religion ist wahr, oder die andere Religion ist wahr. Wenn ich jetzt Wahrheit in der anderen Religion entdecke, dann muss ich konvertieren, weil dann kann wohl meine eigene nicht mehr wahr sein. Heute, auch theologisch, rechnen wir mehr und mehr damit, dass sich geistliche, spirituelle Wahrheit in verschiedenen religiösen Traditionen findet. Und das ermöglicht dann auch den Gedanken, dass, wenn ich von einer anderen religiösen Tradition angezogen bin im konstruktiven Sinne, wenn ich die Erfahrung mache, das, was ich von anderen Religionen lerne, hilft mir in meinem eigenen privaten Leben, in meinem Glaubensleben, dass ich dann so etwas wie eine multireligiöse Identität entwickle“.

Inzwischen reagieren die Führer der alten, fest umschriebenen religiösen Identität sehr gereizt auf so viel interreligiöse Lernbereitschaft. Papst Benedikt XVI. hat im November 2008 betont, ein „interreligiöser Dialog im Sinne von persönlicher Lernbereitschaft aufseiten der Christen“ sei „nicht möglich“. Entsprechend verwarnte der Vatikan einmal mehr engagierte Theologen, so kürzlich den in Washington lehrenden vietnamesischen Peter Phan: In seinen Büchern zum Dialog mit dem Buddhismus relativiere er die absolute Wahrheit des Christentums, heißt es! Klare konfessionelle Grenzen wünschen sich auch konservative Mullahs in Indonesien: Sie wollen den Muslimen die Yoga Praxis verbieten: Wer Mantren singe, schwäche seinen islamischen Glauben… Die Führer der Religionen wollen Untertanen, die der einen konfessionellen Wahrheit sozusagen hundertprozentig entsprechen. Aber dies ist ein Ansinnen, das Religionswissenschaftler, wie Professor Schmidt Leukel, geradewegs naiv finden:

„Denn welcher Mensch kann denn von sich sagen, dass er oder sie in seinem Leben eine komplette religiöse Tradition verinnerlicht hat? Ist es nicht so, dass jeder von uns sich immer nur die Dinge aus einer Religion aneignet, die er oder sie als besonders hilfreich in seinem Leben auch erlebt hat. Niemand von uns glaube ich, lebt das ganze Christentum. Kein Muslim lebt den ganzen Islam, sondern bestimmte Aspekte, mit denen wir konfrontiert wurden und die wir als hilfreich erfahren haben und die uns prägen. D.h. Religion, Religiosität, scheint mir immer irgendwo Patchwork Religiosität zu sein. Nur mit dem Umstand, dass heute für viele Menschen die Patches zunehmen, aus unterschiedlichen religiösen Traditionen stammen und nicht mehr nur aus einer einzigen“.

Immer mehr Menschen werden sich persönlich auf mehrere Religionen einlassen, darin sind sich die Beobachter einig. Und Perry Schmidt Leukel meint sogar, die Bereitschaft des einzelnen, von anderen Religionen zu lernen, dürfe von nichts und niemandem auch nur eingeschränkt werden:

„Wenn jemand ernsthaft sein Leben als religiöser Mensch zu leben versucht, in einer anderen Religion etwas findet, was man persönlich als gut, als wahr, als heilig betrachtet. Dann hat dieser Mensch ja gar nicht die Freiheit, dieses abzulehnen. Es ist schlicht und ergreifend keine spirituelle Option zu sagen: Ich erkenne dort eine Wahrheit, aber nein: Davon will ich nichts wissen, weil diese Wahrheit steht in einer anderen Religion. Dieses ist nicht möglich. Es ist in gewisser Weise eine spirituelle Verpflichtung, all das in mein Leben zu integrieren, was gut, wahr und heilig ist. Paulus schreibt einmal: Prüfet alles, das Gute behaltet“.

Erkennen die großen religiösen Institutionen diese Chance? Der Religionswissenschaftler Perry Schmidt Leukel:

“Die Herausforderung scheint mir wirklich die zu sein: Können die christlichen Kirchen mit diesem zunehmenden Phänomen multireligiöser Spiritualität oder Identität umgehen? Sind sie darauf vorbereitet? Wie reagieren Sie darauf, dass in Ihrer eigenen Mitte Menschen sind, deren persönliche Religiosität bereits von mehreren Religionen geprägt ist? Wie gehen Kirchen damit um, wie gehen sie darauf ein. Das ist noch eine vollkommen offene und bisher weitgehend ignorierte Fragestellung“.

(Diese Stellungnahmen wurden zum großen Teil schon in Radio Beiträgen von mir für den RBB und WDR eingesetzt.)



Was ist die Zeit – in unterschiedlichen Kulturen

20. Juli 2009 | Von CM | Kategorie: Interkultureller Dialog

Was ist die Zeit?
Andere Länder, andere Zeiten
Zwischen Zukunftsstress und ewiger Gegenwart
Von Christian Modehn

„Wenn es jemand eilig hat, zeigt er nur, dass er keinen Anstand besitzt und von teuflischem Streben besessen ist“, sagen Menschen aus dem Volk der Kabylen in Algerien, „und Uhren sind deswegen die Mühlen des Teufels“. Ein paar tausend Kilometer weiter, in indischen Kleinstädten, können sich Freunde verabreden, um stundenlang zusammen zu sitzen, ohne dass jemand ein Wort sagt: Das gemeinsame Schweigen wird wie ein Stillstehen der Zeit erlebt und hoch geschätzt, es ist alles andere als peinlich. Nur die Gegenwart zählt! Darüber könnte einer der Gründerväter der USA nur lachen: Benjamin Franklin hat schon im 18. Jahrhundert eingeschärft: „Zeit ist Geld“! Die zur Verfügung stehenden Stunden, Wochen und Jahre muss jeder Menschen so produktiv wie möglich nutzen. Es ist normal, dass der Terminkalender zum Kompass des Lebens wird. Die katastrophale Gier nach Geld ist die Konsequenz des Mottos von Benjamin Franklin.
Touristen aus Deutschland nehmen kulturelle Unterschiede wahr, wenn sie z.B. in den kleinen Städten Spaniens oder Lateinamerikas mit „Einheimischen“ sprechen: „Manana“, „morgen“, heißt die gängige Entschuldigung, die oft auch ein Übermorgen meint, wenn das Auto eben nicht sofort repariert wird oder eine nötige Bescheinigung nicht sogleich zu haben ist. Menschen unterschiedlicher Kulturen haben unterschiedliche Bewertungen der Zeit. Aber Europäer und Nordamerikaner sind überheblich, wenn sie meinen: So wie wir die Zeit erleben und gestalten, sollten es alle Menschen überall und immer tun.
Seit einigen Jahren wird viel über die „Geographie des Zeitbewusstseins“ diskutiert. Der us – amerikanische Psychologe Robert Levine spricht von einer „Landkarte der Zeit“. Bei jedem Staat und darin noch einmal zu jeder dort lebendigen Kultur lässt sich genau beschreiben, wie die Menschen dort ihre Lebenszeit deuten und gestalten. Zwar sind alle Menschen grundsätzlich und unaufhebbar in das Fließen der Zeit hineingestellt. Sie entkommen nicht dem unaufhaltsamen Verschwinden und Werden der Wochen und Monate. Nirgendwo wird so deutlich erfahren, wie fremdbestimmt, d. h. wie wenig autonom wir gerade in dieser „Verkettung an die Zeit“  sind. Aber jede Kultur reagiert darauf mit einem spezifischen Verhalten.
Japan hat heute „den schnellsten Lebenstakt“, hat Robert Levine in seinen Forschungen festgestellt. Zukunft wird als bevorstehende Arbeit erlebt, Vergangenheit ist getane Arbeit. Selbst wenn Angestellte nicht unter Zeitdruck stehen, so erledigen sie auch dann alle Tätigkeiten so schnell wie möglich, hat Robert Levines beobachtet. Natürlich müssen bei derartigen „Kulturvergleichen“ Klischees vermieden werden. Andererseits betonen auch zahlreiche Kulturanthropologen und Ethnologen, dass es zahllose Deutungsmöglichkeiten der Zeit in den Ländern dieser Erde gibt. In Japan arbeiten die meisten Menschen deswegen so schnell und ausdauernd und verzichten gern auf gesetzlich garantierten Urlaub, weil sie sich den ungeschriebenen Normen ihrer Gruppe einfügen wollen. Zum hochgeschätzten Kollektiv zählt auch die Firma, mit der man sich möglichst ein Leben lang identifiziert. Ihr opfert man auch die Freizeit, man schläft wenig, gönnt sich keine Pause: Gegen die immer größere Gefahr, durch Überarbeitung, „Karoshi“, zu sterben, werden Hotlines eingerichtet. Wer sich Zukunft nur als die ewig wiederkehrende Geschäftigkeit vorstellen kann, neigt zum Suizid: Japan hat eine der höchsten Selbstmordraten der Welt.
Aber direkt neben den stressbestimmten Mega – Cities Asiens gibt es die buddhistischen Traditionen, etwa die Zen – Meditation, das stille Sitzen: Es ist das Eintauchen in eine umfassende Ruhe, die Konzentration auf die Gegenwart, den jeweiligen Atemzug. Man weilt ganz in der Gegenwart. „Diese gelassene Gegenwart ist nicht ins Vorher und Nachher zerstreut“, betont der koreanische Philosoph Byung-Chul Han. „Und virulent ist im buddhistisch motivierten Denken nur die Frage nach dem Jenseits der Zeit“, schreibt der Japanologe Peter Pörtner, „gut ist nur das Ende der Zeit, das Höchste Gut ist das Nirvana“.
Es ist offensichtlich, dass Menschen mit meditativer religiöser Praxis zu einem tiefen Erlebnis der Gegenwart gelangen. Gegenwart ist für den völlig an der Arbeitszukunft orientierten Menschen nur eine ewig wieder verschwindende Sekunde auf dem Zifferblatt der Uhr. Die arbeitsbesessenen Manager sollten sich z.B. nach Cusco, Peru, begeben und dort bei den indianischen Völkern erfahren, was ein ruhiges, gesammeltes Erleben der Gegenwart bedeutet. Die Quetschuas und Aymaras sind nicht so schnell aus der Balance ihres Lebens zu bringen, selbst wenn für sie aufgrund der ökonomischen Unterrückung ständig unvorhergesehene Schwierigkeiten eintreten. Der Philosoph Josef Estermann hat die Philosophie der autochthonen Bewohner des Andengebietes in Peru und Bolivien untersucht. Diese Menschen leben stark in ihrer religiösen Gewissheit, dass die Zeit des Heils und der Erlösung sich bereits in der Vergangenheit ereignet hat, also vor der Ankunft der Kolonisten und Missionare. Nicht auf eine neue, bessere Zukunft hoffen sie, sondern auf die Wiederherstellung der Heilszeit von einst. Nur weil sie sich mit dieser vergangenen Heilszeit auch im Ritus verbunden fühlen, können sie die Mühen und Leiden der Gegenwart annehmen: Eines Tages wird noch einmal das einst verlorene Paradies machtvoll wiederkehren.
Ob es an der „indianischen“ Prägung der Mentalität vieler Mexikaner liegt, dass dieses Land in der Tabelle Robert Levines zum „Lebenstempo in 31 Ländern“ an letzter Stelle steht? Das gemessene Tempo der Menschen beim Gehen ist in Mexiko noch betulicher als in Syrien, Brasilien oder Indonesien. Solche Erkenntnisse können fürs interkulturelle Leben wichtig sein: In einem Land, das wie Brasilien „jeden Anspruch auf Orientierung an der Uhr aufgegeben hat“ (so meint Levine), ist es nicht nur unfein, sondern geradewegs sinnlos, zu Einladungen pünktlich zu erscheinen. Wenn alle unpünktlich sind, muss sich der fremde Gast anpassen…Am schnellsten laufen die Menschen in der reichen Welt Europas und Nordamerikas: Am schnellsten gehen, so Levine, die Schweizer, gefolgt von den Iren, den Deutschen und den Japanern. Es besteht ganz offensichtlich ein Zusammenhang zwischen Lebenstempo und ökonomischem Wohlstand. So laufen denn auch in einem armen Land wie Papua – Neuguinea die Leute in der Hauptstadt Port Moresby schneller als in den kleinen Städten und Dörfern. Im ostafrikanischen Burundi kommen viele Bauern ganz ohne Uhren aus: Sie treffen ihre Verabredungen nach dem Rhythmus der Natur: „Man verabredet sich z.B.: „Wenn die Kühe draußen auf der Wiese zum Trinken sind, sehen wir uns“, berichtet Robert Levine, also irgendwann (!) vormittags. Man erwartet einander und hat Zeit füreinander.
Wie lange wird das noch so funktionieren? Die Uhr zwingt global alle Menschen, die offene Zukunft zu „bewältigen“, d.h. effektiv und produktiv zu auszufüllen. Signale, die unser Körper aussendet,  dass wir ruhen oder nachdenken sollten, müssen beim Diktat der Uhr und der Terminkalender überhört werden. Ob wir in 20 Jahren noch eine vielschichtige und bunte „Landkarte der Zeit“ haben, ist die Frage.

Dieser Beitrag erschien in Publik Forum.
Literaturhinweis:
-Robert Levine, Eine Landkarte der Zeit. 320 Seiten, 13. Auflage 2007, Piper Verlag, München, Zürich.
-Josef Estermann, Andine Philosophie. Eine interkulturelle Studie zur autochthonen andinen Weisheit. 353 Seiten, IKO- Verlag, 1999.
-Byung – Chul Han, Philosophie de Zen-Buddhismus. 135 Seiten, Reclam Verlag Stuttgart, 2002
-Peter Pörtner, Aspekte der Zeiterfahrung in Ostasien. In: Die Zeit im Wandel der Zeit. Intervalle,  Heft 6, dort S 77-97. kassel university press, 2002.



Manuela Kalsky, eine multireligiöse Theologin

20. Juli 2009 | Von CM | Kategorie: Interkultureller Dialog

»Ich bin vieles zugleich – und das ist bereichernd«
Manuela Kalsky – ldie utherische Theologin Manuela Kalsky leitet ein katholisches Institut und lebt eine vielfältige religiöse Identität

Von Christian Modehn

»Ich lebe seit vierundzwanzig Jahren als Deutsche in Amsterdam, spreche also eine andere Sprache. Außerdem bin ich als lutherische Theologin Leiterin des Studienzentrums des katholischen Dominikanerordens in Nijmegen. Ich habe keine eindeutige Identität, ich bin vieles zugleich.« Und dann fügt Manuela Kalsky hinzu: »Ich finde es bereichernd, Unterschiedliches zu verbinden und ein ausgrenzendes Denken – ein Denken im Entweder-oder-Schema – zu überwinden.«

Die vielfältig geprägte, »multiple« religiöse Identität – so der Fachausdruck – ist ein neues Thema in Europa. Die Theologin Manuela Kalsky stellt es in den Mittelpunkt ihrer Arbeit: »Ich habe nicht gedacht: So, jetzt erweitere ich mal meine religiöse und kulturelle Identität! Nein, das geschieht ganz einfach im alltäglichen Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen. Es ist eine allgemeine Entwicklung, die nicht aufzuhalten ist.«

Christlich geprägte Europäer und Amerikaner waren bislang überzeugt, dass nur einige wenige mystisch begabte Mönche unterschiedliche religiöse Traditionen in einer Person vereinigen könnten, so wie beispielsweise Bede Griffith oder Henri Le Saux. Oder der katalanische Priester Raimon Panikkar, der einmal erklärte: »Ich bin als Christ nach Indien gegangen, habe mich als Hindu gefunden und kehre als Buddhist zurück, ohne doch aufgehört zu haben, ein Christ zu sein.«

Für Manuela Kalsky wird die heute vielfach gelebte multiple religiöse Bindung in Westeuropa schlicht unterschätzt. Im Jahr 1961 in Salzgitter geboren, studierte sie evangelische Theologie in Marburg und Amsterdam, promovierte und beschäftigt sich seitdem vor allem auch mit der theologischen Frauenforschung. Ihre Kontakte zum Studienzentrum der Dominikaner für Theologie und Gesellschaft in Nijmegen wurden intensiver, und da der Orden ökumenisch arbeiten will, war ihre Berufung als lutherische Theologin zur Leiterin des Zentrums vor zehn Jahren nur folgerichtig. Dort hat Kalsky inzwischen eine multimediale Website eingerichtet, auf der sich Menschen über ihre neuen religiösen Erfahrungen austauschen können. 96 000 Besucher zählte die Seite www.reliflex.nl im vergangenen Jahr.

»Ich sage ja nicht, dass eine ursprüngliche, zum Beispiel jüdische oder christliche Identität fürs Leben nicht ausreicht; das muss letztlich jeder selbst beurteilen«, sagt die 47-jährige Theologin. »Ich plädiere lediglich dafür, dass Menschen, die aus unterschiedlichen religiösen Quellen leben, nicht gleich als oberflächliche Shopper im religiösen Supermarkt oder als Synkretisten diffamiert werden dürfen.« Die Globalisierung vollziehe sich eben auch im religiösen Bereich. Globalisierung meint hier positiv die weltweite interreligiöse Kommunikation.

Warum können Christen zum Beispiel nicht eingestehen, dass sie in ihrer eigenen Tradition nur ansatzweise Unterweisungen zum Gebet in der Stille und zur Meditation finden und deswegen viel von Zen-Buddhisten lernen und annehmen können? Warum können Buddhisten nicht von christlichen Befreiungstheologen den Einsatz für die Armen und Notleidenden als wesentlichen Ausdruck einer religiösen Weltanschauung übernehmen?

Christen können in der Auseinandersetzung mit anderen Religionen auch ihre Verbindung mit Jesus von Nazareth neu sehen: »Nicht mehr der Glaube an Jesus steht dann im Mittelpunkt, sondern der Glaube mit ihm an ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit«, sagt Manuela Kalsky. Eine multiple Spiritualität sei prinzipiell tolerant. Aber selbstverständlich bringe jeder Mensch prägende Erfahrungen aus seiner ursprünglichen religiösen Tradition mit: »Vielschichtigkeit will nicht sagen, dass es keine Kontinuität gibt. Ich persönlich glaube noch immer an einen mich tragenden Gott, an eine unterstützende Kraft in meinem Leben, wenn’s schwierig wird, aber auch wenn es Erfolge zu feiern gibt. ›The wind beneath my wings‹, um es mit Bette Midler zu sagen.« Mit diesem Gottesbild sei sie aufgewachsen, es begleite sie noch heute, erzählt die evangelische Theologin. »Aber eine Haltung der Offenheit ist entscheidend: Wir sollten erst Fragen stellen und zuhören, bevor wir mit dem Erstellen von Kriterien religiöser Rechtmäßigkeit beginnen. Wie erfahren Menschen ihre Zugehörigkeit zu mehreren Religionen? Warum fügen sie Elemente aus unterschiedlichen Religionen zusammen?«

Diese ganze moderne Thematik will Manuela Kalsky zusammen mit dem Dominikanischen Studienzentrum weiter vertiefen: »Uns geht es um die Suche nach einer neuen Gemeinschaft, die auch die Nichtglaubenden, die Atheisten, mit einbezieht. Die Trennlinie verläuft nämlich nicht zwischen Atheisten, Agnostikern und religiösen Menschen, sondern zwischen Menschen, die sich für das gute Leben für alle einsetzen, und den anderen, die ausschließlich ihr eigenes Wohlbefinden im Blick haben.«



Krise des Kapitalismus – buddhistische Vorschläge

17. Juli 2009 | Von CM | Kategorie: Interkultureller Dialog

LEBENSZEICHEN
Erleuchtet Wirtschaften
Buddhistische Antworten auf den Kapitalismus
Von Christian Modehn

Musik – Take, buddh. Musik, ca. 0 05″ freistehend. Dann herunterziehen:

1. SPR.:
Immer sanft und manchmal betulich, meist friedlich und selten politisch: So stellen sich viele Europäer den Buddhismus vor. Aber der Schein trügt. Die ethischen Weisungen Buddhas sind radikal:

1. O TON:  0 08″
Fördere das Wohl anderer. Und schau dir ganz genau an, was du tust. Im Sinne von: Welchen Samen säst du? Und dann überleg dir, welche Früchte wirst du ernten.

1. Musik – Take aus China, 0 03″  freistehend, herunterziehen:

1. SPR.:
Die “Ernte” fällt kläglich aus:  Kriege, Hungersnöte, Umweltkatastrophen allerorten. Immer mehr Arme kämpfen in einer “florierenden” Wirtschaft ums Überleben. Manche Buddhisten haben den Mut, dafür die entscheidende Ursache zu nennen:

2. O TON, 0 21″
Die moderne Ökonomie ist die Ökonomie des Liberalismus, wo man sagt: Das Individuum sorgt nur für sich selbst. Und die Bewegung der menschlichen Motivation ist die egoistische Motivation. Und das nun wiederum ist sozusagen die exakte Antithese dessen, was im Buddhismus gesagt wird.

1. SPR.:
Ihre wichtigste religiöse Erfahrung machen Buddhisten mitten in der Welt:
3. O TON, 0 05″
Das, was der Buddha sozusagen Erleuchtung genannt hat, das ist: Mein Wohl hängt am Wohl der anderen.

wieder hochziehen:
1. Musik – Take aus China, 0 03″  freistehend. herunterziehen:
ÜBERBLENDET IN:
2. musikal. Zuspielung, Buddhistische Litanei aus Thailand. freistehend ca. 0 07″

1. SPR.:
Ein Gesang, der viele hundert Jahre alt ist: Buddhistische Mönche vom Kloster Chiang Mai in Thailand wünschen allen Wesen Glück und Zufriedenheit. Wieder und wieder bitten sie um die rechte Erkenntnis, um Weisheit und Einsicht.

2. musikal. Zuspielung, Buddhistische Litanei aus Thailand. freistehend ca. 0 05″

1. SPR.:

Die wichtigste buddhistische Einsicht ist mehr als zwei ein halb tausend Jahre alt: Siddharta Gautama Buddha erkannte, dass unser Leben in der Welt vor allem Leiden ist, Schmerz, Krankheit, Elend, Angst. Er sah aber auch, dass es einen Ausweg, eine Erlösung, gibt: In der Meditation, im stillen Sitzen und beim Achten auf den Atem kann der Mensch die innere Harmonie, die Heilung des “Herzens” erfahren. In einem geläuterten Bewusstsein hat alles Gute seinen Ursprung, auch gerechtes Wirtschaften. Die “innere Welt” prägt letztlich die Gesellschaft. Darum wollen Buddhisten jetzt gezielt die Politik, vor allem auch die Wirtschaft, mit gestalten. Weltweit sammeln sich die Freunde des Erleuchteten in einer Bewegung, die “Engagierter Buddhismus” heißt. Man könnte sogar von einer buddhistischen Reformation sprechen. Denn es werden ja nicht neue Lehren erfunden, sondern uralte Weisheiten aktualisiert. Der Buddha lehrte:

2. SPR. (Zitator):
Die unglücklich sind in der Welt, sie alle sind es durch das Verlangen nach eigenem Glück. Die glücklich sind in der Welt, sie alle sind es durch das Verlangen nach dem Glück der anderen.

1. SPR.:
Modern übersetzt: Der Mensch geht in die Irre, wenn er sich als den Mittelpunkt der Welt sieht, wenn er am krampfhaften Kult um das eigene Ich festhält. Davor warnen engagierte Buddhisten:

4. O TON, 0 41″
Es gibt drei Gifte, die unseren alltäglichen psychischen Prozess vergiften. Das erste ist die Gier, wir wollen etwas ergreifen, was man letztlich doch nicht festhalten kann. Wir grenzen uns ab gegenüber den Zugriffen anderer, und schlimmstenfalls wird es zum Hass. Wir negieren die gegenseitige Abhängigkeit aller Menschen. Und die dritte Sache: All dies beruht auf einer grundlegenden Unkenntnis über unsere psychische Struktur, über unser Ego. Und diese grundlegende Unwissenheit ist das Nichtwissen darüber, dass wir von der Natur abhängen, dass wir Menschen untereinander abhängen. Und wir tun so, als wären wir alle ein Ego, und haben so kleines Ego-Territorium und bauen ein Zäunchen drum herum.

1. SPR.:
Karl- Heinz Brodbeck ist seit vielen Jahren praktizierender Buddhist. Und er ist Professor für Wirtschaftswissenschaften in Würzburg und Autor. In seien Büchern wendet er uralte Einsichten Buddhas auch auf die Wirtschaft an: Wer sein eigenes Ego, seine Gier, seine Machtgelüste,  nicht durchschaut, kann keine gerechte Wirtschaftsordnung schaffen:

5. O TON, 0 32″
Wir erkennen die unheilsame Wirkung:  Wer nur etwas mehr Geld verdienen will, der will immer noch mehr und immer noch mehr. Und aus dieser Haltung entstehen dann eben diese negativen Verhaltensweisen. Also muss man schon sagen, dass es gilt, hier mit einer kritischen Haltung gegenüber diesen Denkformen anzusetzen. Nichts gegenüber der Person, die sich so verhält. Denn diese Person lebt ja in einer Art Schleier, in einer Art Vernebelung des Bewusstseins. Sie wissen gar nicht um die unheilsame Konsequenz.

1. SPR.:
Karl – Heinz Brodbeck hat eine “Buddhistische Wirtschaftsethik” veröffentlicht. Darin dokumentiert er auch Beispiele für diese “Vernebelung des Bewusstseins” unter Wirtschaftsführern. Deren Sprache ist verräterisch: Etwa wenn Ausgegrenzte und Verlierer zum “Wohlstandsmüll” deklariert werden. Oder wenn Manager “ihren Kampfeswillen und einen Killerinstinkt” bewahren sollen. Die Tugend des Teilens nennt ein Spezialist für Wirtschaftsfragen die “Sünde gegen die Marktwirtschaft”.
Buddhisten sind geduldige Reformer. Das entspricht ihrer Tradition: Der “Weg der Mitte” zwischen radikalen Lösungen, das Streben nach Harmonie ist ihr Programm. Wenn Buddhisten also Manager verändern wollen, dann nur durch das Argument, durch die Selbsterkenntnis, die Einsicht. Revolutionären Ideologien setzen sie eine Evolution des Bewusstseins entgegen. Der Buddha sagte:

2. SPR.(Zitator):
Was unheilvoll und verwerflich ist im Gedanken, führt zu Unheil und Leiden, wenn sich die Gedanken praktisch ausgestalten. Darum bleibt die Erkenntnis: Gebt diese unheilvollen Gedanken auf.

1. SPR.:
Aber unheilvolle Gedanken lassen sich nicht im Schnellverfahren bearbeiten oder gar vertreiben. Seelische Erneuerung braucht Zeit. In Berlin haben Arne Schaefer und Irmi Jeuther vor 3 Jahren ihre eigene buddhistische  Organisationsberatung geschaffen. Sie trägt den Titel “Lotus-Consult”. Der Name ist Programm, meint die Psychologin Irmi Jeuther:

6. O TON, Neue Länge: jetzt  1 05“.
Die Lotusblüte, und so ist es auch in den Überlieferungen, ist eine Blume, die sehr schön ist und auch für Reinheit steht. Und die aus dem Sumpf wächst, aus dem Schlamm, aus dem Schmutz. Und das steht dafür, dass in jedem von uns was ganz Reines steckt, das, was Gutes möchte für alle Wesen. Und nebenbei gibt es eine ganze Menge Konflikte, schlechte Eigenschaften. Trotzdem gibt es da einen Kern, der einfach rein ist und der was Gutes möchte. Und mit der Grundhaltung gehen wir mit den Menschen um und mit der Grundhaltung arbeiten wir.
Beim Wirtschaften normalerweise sagt man ja: Ich will für mich Gewinn haben. Und da muss ich in Konkurrenz treten mit anderen Unternehmen und ich muss dafür sorgen, dass ich besser bin und damit gleichzeitig mir auch wünschen, dass die anderen schlechter sind. Und wir gehen mit einer ganz anderen Einstellung da dran, wir sagen: Es gibt genug Ressourcen, dass es für alle reicht. Und wir können es uns durchaus leisten, Gewinn und Erfolg für alle zu wünschen.

1. SPR.:
Irmi Jeuther ist seit 20 Jahren praktizierende Buddhistin. Sie arbeitet als Beraterin und Coach im Lotus-Consult. Arne Schaefer, Buddhist und Diplompsychologe, leitet das Beratungszentrum.

7. O TON, 0 32″.
Wenn ich den Status Quo unserer jetzigen Gesellschaft nehme als Konsumgesellschaft, habe ich das Gefühl, wir sind einerseits, was materiellen Reichtum anbelangt, wirklich ein unglaublich reiches Land. Aber was andere Werte anbelangt, ein verarmtes Land. Wenn ich sage, an der Stelle möchte ich wirksam werden und ich möchte die Menschen ermutigen, nicht zu glauben, wenn sie anfangen zu teilen und großzügig zu sein und ihren Reichtum teilen, dass sie deswegen ärmer werden. Im Gegenteil, sie werden noch reicher werden, das ist eine andere Art von Reichtum, von dem wir heute keinen Begriff mehr haben.

1. SPR.:
Einen anderen Reichtum produzieren: Daran arbeiten buddhistische Ökonomen heute weltweit. Vor allem der US – Amerikaner Geshe Michael Roach hat dieses Thema mit Nachdruck in die Öffentlichkeit gebracht. Er gründete das “Enlightened Business Institute”, “Das Erleuchtete Wirtschafts – Institut”. Inzwischen kann man seine Vorschläge für “erleuchtetes Wirtschaften”  über Amerika hinaus auch in China, Südafrika, Kroatien und eben auch im Berliner Lotus Institut studieren. Das Konzept basiert auf einem Ausspruch des Buddha.

2. SPR. (Zitator):
Alles, was du tust, hat Auswirkungen auf dein künftiges Leben. Nichts bleibt folgenlos. Gutes Leben gibt es nur für den, der auch ethisch gut handelt.

1. SPR.:
„Nichts bleibt folgenlos“ – Ein Prinzip, das als kritische Frage formuliert werden muss: Wo handeln wir diesem Prinzip zuwider? Darüber diskutieren die Mitarbeiter von Lotus-Consult, wenn sie mit den Schwierigkeiten von Firmen und Betrieben konfrontiert sind.

8. O TON, 1 32″
Im Coaching geht es ganz oft darum: Ich habe gerade keine Kunden oder mir laufen die Kunden weg. Ich hab gerade große Schwierigkeiten, Geschäftsbeziehungen aufzubauen. An was kann das denn genau liegen? Dann geht es ganz oft darum, dass man möglicherweise oft durch sein Sprechen dafür gesorgt hat, dass Menschen auseinander kommen oder dass Menschen Streit haben. Und dann ist eine Aktivität, Menschen zusammenzubringen, Kontakte zu knüpfen und dafür zu sorgen, dass andere zusammenkommen mit dem Zusammenkommen auch Erfolg haben.
Wir arbeiten auch mit Leuten, die keine Arbeit haben.
In unserer Gesellschaft ist es so, wenn jemand gescheitert ist, wenn jemand keine Arbeit hat, dann ist es ein großes Problem im Selbstwertgefühl. Weil dieser Mensch ist praktisch nicht viel wert. Und das stimmt mit unserer Sichtweise überhaupt nicht überein, weil jeder Mensch ein ganz kostbares Wesen ist und viele kostbare Eigenschaften und Fähigkeiten hat, und geht es drum, zu schauen, sie bei sich zu entdecken und drauf zu schauen und zu überlegen, was kann ich damit machen, wie kann ich meinen Mitmenschen nutzen, auch wenn ich jetzt gerade mal keinen Job habe. Und da gibt es oft eine ganze Menge Möglichkeiten, die man da rausfinden kann. Und wenn jemand mal anfängt, so zu denken: Was kann ich jetzt aus meiner Situation tun, um anderen zu nutzen, dann kommt auch wieder Energie zustande und Kraft und Mut und dann gibt es auch gute Möglichkeiten, wieder Arbeit zu finden und Geld zu verdienen.

1. SPR.:
Buddhistische Wirtschaftsberater geben keine esoterischen Geheimtipps. Ihre Ethik ist rational geprägt, dem vernünftigen Argument verpflichtet. Selbst dem philosophisch Ungeübten verdeutlichen sie ihre Einsicht mit Beispielen aus dem alltäglichen Leben:

9. TON, O 46:
Alles, was ich tue, wirkt sich aus. Und wenn ich zu dieser Frau auf der Straße freundlich bin, wirkt sich das ganz sicher auf die Frau aus, und da glaube ich, brauchen wir das Potential an Freundlichkeit, das wir haben, auf keinen Fall unterschätzen. Und gleichzeitig wirkt es sich auch auf mich aus. Das ist der Kern der Sache. Jede Handlung, jedes Denken, jedes Sprechen von meiner Seite wirkt sich auf mich aus und wird konserviert als geistiger Eindruck und prägt dadurch mein Erleben, mein künftiges Erleben. Also: Jedes positive und heilsame Handeln verändert unsere ganze Welt. Wir schaffen uns unsere Welt und unser Leben dadurch, wie wir handeln und welches Denken und welches Sprechen wir pflegen.

1. SPR.:
Lotus-Consult berät auch Firmen, die nicht mit harten Ellenbogen oder im permanenten Gewinn-Streben wirtschaften wollen.  Ein Hamburger Kunde ist etwa die “Kommunikationsberatung Ludwig und Partner”. Die buddhistischen Unternehmensberater bestärken diese PR-Firma auf ihrem Weg einer sozial differenzierten Preispolitik. Auch in Zeiten wachsender Konkurrenz bietet die Firma kleinen, eher schwächeren  Interessenten ihre PR Dienste zu günstigen Konditionen an. Das Unternehmen leitet Beate Ludwig:

10. O TON, 026″
Wir wollen unsere Dienstleistungen oder unsere Fähigkeiten, die wir haben, auch wirklich denen zur Verfügung stellen, die sie gebrauchen können. So, und manch einer hat eben mehr Geld, der andere hat weniger. Es muss in Relation stehen, und es mehr klar definiert sein, was man davon erwarten darf. Aber das haben wir immer gemacht und  werden wir auch weiter machen. Wenn ich mich redlich benehme, wenn ich großherzig bin, wenn ich aufrichtig bin,  so kommt es dann auch zurück.

1. SPR.:
Gutes Tun zahlt sich garantiert aus, macht reich, auch wenn der materielle Gewinn nicht sofort zu spüren ist. In jedem Fall stellt sich seelische Harmonie ein, das Gefühl von Sinn, von Zufriedenheit.  Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft werden von buddhistischen Unternehmern nicht mit trauriger Opfermine geleistet, man jammert nicht über einen  “Verzicht”. Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft sind vielmehr das Klügste, was sie für ihr eigenes Fortkommen tun können. Denn Mitgefühl zahlt sich aus! Das ist der Grundsatz des “erleuchteten Wirtschaftens”. Dabei bedeutet Erleuchtung  nicht etwa mystische Verzückung oder überirdisches Erleben. Erleuchtung ist eher ein ungeschminkter Realismus, meint Arne Schaefer vom Berliner Lotus Consult:

11. O TON, 0 34″.
Was ich mit dem Geld mache, das ist das Entscheidende, oder welche Bedeutung ich ihm gebe, das ist das Entscheidende. Insofern ist Geld ein Zahlungsmittel, was allgemein anerkannt ist, natürlich. Aber die Frage ist: Was mache ich dann mit diesem Geld, das ist das Entscheidende. Wo kommt Geld her, wo geht Geld hin. Was kann ich dafür, dass Geld weiterhin zu mir kommt. Und wenn ich diese Frage gründlich untersuche, dass ich möchte, dass mein Erfolg anhält, dass es weiterhin fließt, dann werde ich zwangsläufig zu dem Aspekt kommen, dass ich teilen muss, dass ich mein Geld auch wieder weggeben muss, dass ich mein Geld auch an der richtigen Stelle wieder weggeben muss. Und dann wird es weiter fließen.

1. SPR.:
Eine Erfahrung buddhistischer Unternehmer klingt ungewöhnlich: Es lohnt sich, lukrative Angebote schon einmal auszuschlagen. Denn wer einen fetten Fisch auch mal von der Angel lässt, wird nachdenklicher, er konfrontiert sich und alle Mitarbeiter mit der Frage: Was wollen wir eigentlich mit unserer Firma bewirken? Die Unternehmerin Beate Ludwig:

12. O TON: 0 31″.
Wir hatten neulich auch eine Diskussion, da ging es um eine Ausschreibung von einer Centralen Marketing Organisation, und da war ein Projekt ausgeschrieben, und da ging es um Eier und Hühner, und zwar Käfighaltung. Und da haben wir dann gesagt, ja,  das wollen wir nicht, also werden wir uns da nicht bewerben, sondern wir würden lieber für glückliche Hühner arbeiten. Es muss eine gemeinsame Ausrichtung geben, es muss auch so eine Art Aura geben, dessen was wir alle gemeinsam wollen.

1. SPR.:
Oberstes Ziel buddhistischen Wirtschaftens bleibt es, die vom Egoismus beherrschte Wirtschaftsform in ein mitfühlendes Handeln zu verwandeln. Der Wirtschaftswissenschaftler und engagierte Buddhist Karl Heinz Brodbeck hat konkrete Vorschläge:

13. O TON, 0 27″.  Jetzt 0 47“.
Wenn ich mit Menschen aus dem Management zu tun habe: Dann  sage ich: Ich verlange nicht, dass er den Job aufgibt, es sei denn er ist Berufsmörder, dann würde ich sagen: Es gibt nur eine Lösung, gib deinen Beruf auf, die Waffen weglegen. Und auch einem Waffenhersteller würde ich sagen, es gibt nur eine Chance, mach die Fabrik dicht, denn das ist äußerst unheilsam, was du machst. Ja.
Es gibt viele Möglichkeiten bei alternativen Entscheidungen eine zu wählen: Ich tu ein bisschen mehr für meine Mitarbeiter. Ich bringe etwas mehr Fairness rein. Ich beachte, dass immer noch Frauen diskriminiert werden. Ich achte darauf, dass  bei einer Verwendung von Produkten aus anderen Ländern, dass da nicht Kinderarbeit dahinter steckt. Man kann durch etwas Achtsamkeit viele kleine Veränderungen vornehmen, wenn jemand jetzt nicht bereit ist, sich großartig zu engagieren.

1. SPR.:
Achtsamkeit ist die Voraussetzung  für erleuchtetes Wirtschaften. Hell -waches, selbstkritisches Bewusstsein: Das ist Achtsamkeit. Sie ist die Aufmerksamkeit auf das, was um mich herum geschieht, was die anderen Menschen denken und tun. Es gilt auch das  “Achten – Auf” mein eigenes Denken und Handeln zu schulen: Behüte ich und pflege ich die Dinge, die wertvoll sind und geschützt werden müssen?

14. TON, 0 50″.
Ich arbeite sehr viel zusammen mit einer Software Firma, die in Kärnten ansässig ist und dort propagieren sie alternative Investments. Jemand will Geld anlegen, jemand will nicht auf Rendite verzichten, dann kann man sagen: Dann investiere wenigstens in solchen Bereichen, wo ich sicher sein kann, dass man keinen allzu großen Schaden anrichtet. Man investiert nicht in die in die Waffenindustrie, man investiert nicht in Firmen, die exzessive Tierversuche machen, wo Frauen diskriminiert werden, wo Kinderarbeit ist. Allein diese Negativ-Abgrenzung bringt schon. Und der Anleger, der so was tut, verzichtet evtl. auf 1 -  2 Prozentpunkte. Andererseits aber hat er das Gefühl, ich mein Geld so angelegt, wo die Sache auf eine Art arbeitet, wo der Schaden, der angerichtet wird, nicht allzu groß ist.

3. musikal. Zusp., Klangschalen, ca. 0 07″ freistehen lassen

1. SPR.:
Wer einen anderen Geist in seinem Betrieb durchsetzen will, braucht seelische Reserven. Das wissen die Mitarbeiter vom Berliner Lotus-Consult. Sie wollen zwar mit ihrer Firma keine buddhistische Mission betreiben, geben aber auf Anfrage gern Hinweise für eine spirituelle Neuorientierung.

15. O TON, 0 26″.
Was wir unseren Klienten empfehlen, ist es tatsächlich, eine Struktur sich am Tage zu geben, wo sie die Möglichkeit haben, Achtsamkeit zu üben, darüber zu reflektieren, bin ich mir eigentlich im Klaren darüber, wie Ursache und Wirkung zusammenhängen. Und bin ich mir eigentlich im Klaren darüber, wie ich meine Werte lebe. Das kann die Stille Meditation sein, täglich 10- 15 Minuten. Was wir dazu empfehlen, ist auch eine Körperübung, sei es Yoga, sei es Taichi.

1. SPR.:
Buddhistischen Ratschläge klingen manchmal ähnlich wie die alten Empfehlungen der christlichen Gewissenserforschung: Wer ein neues, ein ethisch – wertvolles Wirtschaften einübt, sollte sich regelmäßig Rechenschaft geben über seine guten und seine schlechten Taten:

16. O TON, 0 27″.
Es ist ein Hilfsmittel, was wir das Malbuch nennen, es ist ein Notizblock, wo wir sechs mal am Tag schauen, was habe ich denn z.B. um das Wohl anderer zu fördern an diesem Tag Positives getan. Und an welcher Stelle habe ich vielleicht dieses Prinzip nicht so sehr beachtet. Und was möchte ich heute noch tun, damit ich an der Stelle nachsteuern kann. Wir werden tatsächlich eine andere Welt erleben, wenn wir dies konsequent üben.

NEU Musik zur Meditation, INSGES. 1 34“!!!
schon in den O TON vorher etwas reinziehen. Dann 0 06“ freistehend,
dann wieder reinziehen in folgenden O TON

17. O TON, NEU 0 48“.
Diese geistige Übung ist wirklich etwas, was Buddhismus auszeichnet. Und die Leiderfahrungen sind auch notwendig.
Unser Zen – Meister hat immer gesagt: Eine schlechte Situation, ist eine gute Situation, weil wir anfangen uns zu hinterfragen, was unserer Gewohnheiten sind, wie wir unser Leben leben.
Und wenn ich an dem Punkt bin, dann halte ich inne, und das ist entscheidend. Es geht darum, die Dinge anzunehmen, sie zu akzeptieren, was nicht heißt: Dinge nicht zu verändern, die ich verändern kann. Das ist ganz wichtig. Es geht um ethische Verantwortung, es geht darum, einerseits darum eine Erkenntnis, Erfahrung zu machen, aber eben auch daraus verantwortlich zu handeln. Ich werde es lernen, dass mein persönliches Glück nur möglich ist, indem andere Menschen in meinem Umfeld glücklich sind. Anders geht es nicht.

NEUE MUSIK wieder einblenden, ca. 005“ freistehend.

1. SPR.:
Auch wenn die jüdisch-christliche Tradition, eine der Grundlagen unserer Zivilisation, die Verehrung des Goldenen Kalbes, des Mammons und des Wuchers als Sünde vehement abgelehnt hat: Unsere kapitalistische Form
des Wirtschaftens ist nun einmal vom Geld und Geldgewinn geprägt. Kann aus buddhistischer Sicht der Profit ethisch akzeptabel sein? Darüber wird unter den Freunden des Erleuchteten diskutiert. Wer Unternehmen berät, um sie erfolgreicher zu machen, wird wohl kaum prinzipiell immer größere Gewinne verteufeln können. Und so vertritt Arne Schaefer vom Lotus-Consult  auch eine eher großzügige Position:

18. O TON, 0 22″
In unserem Sinne erfolgreich, heißt auch am Geschäft erfolgreich zu sein, weil nur ein gesundes Unternehmen, was auch erfolgreich ist, kann wiederum auch andere Menschen erfolgreich machen. Je stärker ein Unternehmen wächst, sei es in Umsatzahlen, sei es in Mitarbeiterzahlen, da ist nichts verkehrt dran. Wir arbeiten daran, die Menschen zu unterstützen, dass sie so erfolgreich sind. Die Frage ist immer, was ist der Weg, der sie dazu führt. Und der sollte niemals auf Kosten anderer Menschen oder unserer Umwelt gehen.

1. SPR.:
Mit anderen Worten: Du darfst Gewinne erzielen. Nur eine Bedingung muss erfüllt sein: Die Methoden deines Geld-Verdienens müssen ethisch einwandfrei sein. Diese Position finden einige andere engagierte Buddhisten zu liberal. Der Ökonom Professor Karl Heinz Brodbeck schreibt:

2. SPR. (Zitator)
Das Geld ist wesentlich nur die Art und Weise, wie wir unsere gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit gestalten und abwickeln und wie wir unsere Tauschprozesse organisieren. Aber in einer Gesellschaft verblendeter Menschen, die nur der eigenen Gier gehorchen, wird Geld zum Wert, sogar zum höchsten Wert, der unter allen Umständen Respekt verlangt. Geld wird zum Gott, zum obersten Wert, dem alle Opfer gebracht werden. Die  permanente Vermehrung des Geldes wird zum obersten Ziel allen Lebens.

1. SPR.:
Die globalen wirtschaftlichen Entwicklungen gehorchen offenkundig der Grundstruktur menschlicher Gier. Das Magazin “Der Spiegel”  beschrieb unlängst, wie Internationale Finanzinvestoren riesige Firmen, ja ganze Wirtschaftszweige aufkaufen, auch in Deutschland. Vor allem Milliardäre, so der „Spiegel“,  investieren dafür in sogenannte Hedge-Fonds:

2. SPR. (Zitator):
Diese Fonds sollen aus dem vielen Geld der Milliardäre noch mehr machen, noch viel mehr. Mindestens 20-prozentige Renditen gehören bei diesen Fonds zum guten Ton. Im Jahr 2006 dürften die Internationalen Finanzinvestoren  Firmen im Wert von 600 Milliarden Dollar aufgekauft haben, darunter auch ganze Straßenzüge mit Wohnungen.

1. SPR.:
In den meisten Fällen sind die Zukäufe der Finanzinvestoren für die betroffenen Bewohner oder die Angestellten der aufgekauften Firmen von Nachteil.  Mieter müssen sich auf kräftige Preiserhöhungen gefasst machen, Arbeitern und Angestellten droht die Entlassung. Nur die Finanzinvestoren werden scheinbar glücklich dabei: Aber auch hier gelten Buddhas Sätze:

2. SPR.:
Nichts bleibt folgenlos. Gutes Leben gibt es nur für den, der auch ethisch gut handelt.

1. SPR.:
Die Führer der großen Religionen haben zu neuesten Phänomenen maßloser Gier noch nicht laut und deutlich Stellung bezogen, meint der Wirtschaftswissenschaftler Karl – Heinz Brodbeck,:

19. O TON
Spekulanten, die wirklich in dieser ganz knallharten Motivation sagen:
Wir schlachten ein Unternehmen aus, wir übernehmen die, dann werden Leute entlassen. Ohne Skrupel, das ist eine Haltung, die tatsächlich nur mit einer Terminologie des Kriminalrechts zu umschreiben ist. Es ist eine besondere Art von Verbrechen, die aber bei uns mit dem Nadelstreifen und mit der Hochglanzbroschüre dargestellt wird als eine kluge Form des Investments. Davon müssen wir wegkommen.

1. SPR.:
Die große Gier wird angefeuert von der Ideologie des permanenten Wirtschaftswachstums. Sie wird längst als “absolute Tatsache” propagiert, die wir hinzunehmen hätten! Auch dagegen wehren sich erleuchtete Ökonomen wie Brodbeck.  Sie betonen: So wie die erwachsenen Menschen und die lebendige Natur nicht immer weiter wachsen können, so kann auch ein ökonomisches System nicht endlos weiter expandieren. Denn die Konsequenzen des permanenten Wirtschaftswachstums sind nicht mehr zu übersehen: Natur-Katastrophen, Mangel an Trink – Wasser, Niederbrennen tropischer Wälder usw. Aber was können Europäer tun, wenn sie sich auch für ärmere Länder  einen besseren Lebensstandard wünschen?

20. O TON  0 48″
Wenn jetzt diese Länder in Form in Form einer nachholenden Industrialisierung wachsen müssen, wachsen heißt dann dort ganz einfach, lebensnotwendige Dinge aufzubauen, Schulen, Straßen, elementare Nahrungsmittelversorgung und solche Dinge: Dann bedeutet das: Der dort notwendige Mehreinsatz von Ressourcen muss in europäischen Ländern generiert werden durch Ersparnis von Ressourcen, die Ressourcen, die wir haben viel effizienter nutzen, dass was frei wird, dass wir dann diesen Ländern auf dem Wege eines Transfairs oder einer gemeinsamen Planung zukommen lassen. Das wird natürlich nicht möglich sein in einer Ökonomie, deren Leitstern die Rendite ist, deren Prinzip der Individualismus ist, darüber habe ich keinerlei  Zweifel.

4. Musikal. Zuspielung, ca. 0 07″ freistehen lassen.

1. SPR.:
Buddhisten halten eine andere Welt für möglich, weil sie der Menschheit immer noch den Gebrauch der Vernunft zutrauen! Deswegen fordern sie unermüdlich eine ethische Neu-Orientierung. Ein globaler Ansatz in einer globalisierten Welt – ein buddhistischer Lebensentwurf mit universalem Anspruch.  Der Unternehmensberater Arne Schäfer:

21. O TON, 0 25″.   JETZT 0 42“
Uns geht es um Erfüllung, und Erfüllung ist für mich, einmal natürlich: Das zum Leben zu haben, was ich brauche, um wirklich leben zu können. Aber auch in einer Umwelt zu leben, die Frieden und Mitgefühl lebt. In der ich mich wirklich geborgen fühle, wo ich nicht Angst habe, dass der Nachbar mir einen Prügel über den Kopf zieht, weil er neidisch ist oder weil es ihm nicht zu gut wie mir. Sondern wo ich mit dem Nachbarn Arm in Arm an einem Tisch sitze und wir gemeinsam die Ernte genießen, die wir eingefahren haben.
Der Buddhismus an der Stelle ist für mich eine Weisheits -  Lehre, die sicherlich heilsam ist. Aber ich würde es nicht auf den Buddhismus allein begrenzen wollen. Was wir da lehren, ist letztendlich nichts, was der Buddhismus für sich gepachtet hat, sondern wir wollen Kongruenz, also Menschen, die mit ihren Werten hundertprozentig übereinstimmen und sich dessen bewusst sind, was sie tun in ihrem Leben.

1. SPR.:
Wer als Buddhist an dieser gerechteren Welt arbeitet und dabei die Hoffnung nicht aufgibt, der ist bereits selbst schon “erleuchtet”. Er erkennt: Im Alleingang kann niemand dieses Projekt weiterbringen. Der buddhistische Wirtschaftswissenschaftler Karl Heinz Brodbeck:

22. O TON, 1 13″.  Jetzt 1 55“.
Ich kann unmöglich aus meiner Perspektive, die ja auch nur ein Teil, ein winziger Teil,  einer großen Kommunikationsgemeinschaft ist, sagen: Aus meinem Erkenntniszentrum heraus kann ich die  Welt retten. Das ist unmöglich, das würde auch nie ein Buddhist behaupten. Man kann nur in dem lokalen Bereich, in dem man tätig ist, Empfehlungen geben. Das heisst, für mich auch in der Sparte, in der ich tätig bin, in der Ökonomie, kann ich kritisch unterwegs sein und meine Ökonomen Kollegen immer wieder und wieder darauf hinweisen, dass viele ihrer Voraussetzungen nicht funktionieren. Um eine Parole der Globalisierungskritiker aufzugreifen: Streue Sand ins Getriebe der Wissenschaftsmaschinerie. Ich weiß durchaus um meine Grenzen, die mir gegeben sind. Aber man darf nicht erwarten, dass ein Mensch die Lösung vorschlagen kann. Das ist mir wichtig. D.h. Ich sehe mich genau um, wo um mich herum passieren Alternativen. Man könnte auf viele globalisierungskritische Bewegungen hinweisen, auf Initiativen von Kirchen, von anderen religiösen Gruppen. Ich glaube, daraus könnte insgesamt, wenn sie sich verständigen, wenn wir den interreligiösen Dialog hinkriegen, dann könnte daraus insgesamt eine Gesamtbewegung entstehen. Wenn man die Religion an ihre Wurzeln erinnert. Wenn man den Islam daran erinnert, dass im Koran ein Zinsverbot steht, wenn man die katholische Kirche wieder daran erinnert, dass sie mal so etwas wie eine Wucherkritik ausformuliert hat als wissenschaftliche Theorie. Und wenn man andere religiöse Traditionen auf ähnliche Vermächtnisse ihrer eigenen reichen Kultur hinweist. Dann glaube ich können aus vielen solchen Quellen vielleicht Dinge erwachsen, die die gesamte, die globale Entwicklung langfristig verändern.

EVTL. hier noch mal die neue Musik, vor 17. OTOn,. Ins Ende des O Tons reinziehen! Un noch mal freistehen lassen für die ABSAGE:

STOP:

www.lotus-consult.de mit dem Hinweis:
rof. Karl-Heinz Brodbeck:
www.khbrodbeck.homepage.t-online.de