Philosophische Bücher

Gleichgültigkeit – ein Laster oder auch eine Tugend?

12. März 2010 | Von CM | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher

In der Reihe PUBLIK FORUM EXTRA ist jetzt ein interessantes Heft erschienen mit dem Titel: “Mir doch egal. Über die Gleichgültigkeit”, herausgegeben von Doris Weber.
Hier ein Auszug aus meinem Betrag “Mit Seelenruhe”.

In der griechischen Philosophie, die ja niemals eine bloß akademische Angelegenheit von Theoretikern war, sondern immer eine Schule des „guten Lebens“, spielt die Gleichgültigkeit als eingeübte Lebenshaltung eine herausragende Rolle, nicht nur bei den Skeptikern, vor allem auch in der Schule der Stoa. Diese „Stoiker“ haben die bis heute respektierte Lehre eines gleichgültigen Lebens vorangebracht. Der Philosoph Epiktet (55 bis 135 n. Chr.) musste erleben, wie die griechischen Stadtstaaten zerfielen, wie der vertraute Lebensraum der Demokratie längst verschwunden war. Da blieb dem einzelnen als Ausweg nur die „Selbsterziehung“, um zum inneren Glück zu finden. Wer die Seele wichtiger findet als das irdische Wohlergehen, wird gleichgültig, es ist für ihn egal, ob er nun lebt oder stirbt, ob er gesund ist oder krank. Es ist „letztlich“ egal, ob er sich vergnügt oder leidet, ob er schön oder hässlich ist. Alle diese Lebensumstände sind von der göttlichen Vernunft ohnehin vorgegeben. Der Mensch muss dieses göttliche Prinzip annehmen, wie es ist. So wird alles Weltliche relativiert, es gibt keine Auseinandersetzungen mehr um dieses oder jenes schöne Gut oder um dieses oder jenes Vergnügen. Die Zerstreutheit des Lebens, das innere Zerrissensein, kann in einem gleichgültigen Lebensstil überwunden werden, weil alle Dinge dieser Welt für den Stoiker von gleichem Wert sind. Nur eine Sache ist jeder Gleichgültigkeit enthoben, und darin liegt der besondere Beitrag der Stoa: Das moralische Bewusstsein eines jeden Menschen ist absolut wertvoll. Gutes tun ist oberstes Gebot. Ein gewisser Spielraum der Freiheit bleibt also erhalten, auch wenn der Logos, die göttliche Vernunft in ihrer Vorsehung alles bestimmt. Es gilt das Gute zu tun, auch wenn man nicht weiß, ob das Handeln tatsächlich erfolgreich ist. Ist alles Tun ein Missgeschick, so muss es gelassen angenommen werden. Die göttliche Vernunft, die alles durchwirkt, wird es schon richten. Nur so stellt sich die „Ruhe der Seele“ ein, das Lebensziel.
Aber die Seelenruhe ist keineswegs ein passives Erdulden aller nur möglichen Lebensumstände. Philosophen aus der Schule der Stoa schalteten sich in die Politik ein, um die Korruption zu bekämpfen, auch wenn sie wussten, wie selten konstruktive Verbesserungen der politische Lage gelingen. Trotzdem setzten sich Philosophen der Stoa für politische und soziale Reformen ein. Der Stoiker Epiktet versuchte schon das System der Sklaverei zu sprengen, als er an die Brüderlichkeit aller Menschen appellierte. Und der Philosoph Sphairos versuchte, die Könige von Sparta, Agis und Cleomene zu einer Vernunft geleiteten Politik zu motivieren. „Die Philosophen haben niemals die Hoffnung aufgegeben, ihre Gesellschaft zu verändern, und sei es nur durch das Vorbild ihres Lebens“, schreibt der in Paris lebende Philosoph Pierre Hadot.

Die Gleichgültigkeit konnte in der Stoa als Tugend nur gepriesen werden, weil sich die Menschen letztlich von einem alles umfassenden göttlichen Sinn, dem Logos, getragen wussten.
Was bedeutet heutigen Menschen die Pflege der Gleichgültigkeit im Sinne der Stoa? Gleichgültigkeit kann nicht dazu führen, sich wie einst die Eremiten aus dieser Welt völlig zurückzuziehen. Gleichgültigkeit meint nicht, immer und überall still zu halten oder gar wieder die politisch belastete Parole „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ zu propagieren. Das heute gängige Prädikat „stoisch“ trifft die wahre Stoa ganz und gar nicht! Wer sich in der Gleichgültigkeit übt, wird zum ständigen Nachdenken aufgefordert: Was ist wichtig für mein eigenes und einmaliges menschliches Leben und die Gesundheit meiner Seele? Woran binde ich mich und was ist mir egal? Die Stoiker waren radikal: Nur im Tun des Guten findet der Mensch sein Glück. Alles andere ist gleich – gültig! Und diese Haltung bedeutet heute, aktiv die Unkultur der permanenten Ruhelosigkeit zu überwinden, Widerstand zu leisten gegen alle Propaganda, die uns angesichts der wirtschaftlichen Krisen auch seelisch beunruhigen und erschüttern will. Warum kann denn nicht weniger auch mehr sein, fragen die Stoiker? Warum kann der Verlust an Gütern nicht ein Gewinn ganz anderer Art sein?
Philosophen können nur Vorschläge machen. In der Meditation, dem Innehalten, kann sich der tragende Lebensgrund zeigen. Nur in Verbindung mit ihm kann ein „gleichgültiger Lebensstil“ praktiziert werden.

Der ganze text wie auch die übrigen Beiräge können in dem EXTRA Heft nanchgelesen werden. bestellen bei: Publik Forum, 61410 Oberursel. www.publik-forum.de



Philosophie des Weltbürgertums. Ein Buch von Kwame A. Appiah

20. Februar 2010 | Von CM | Kategorie: Aktuelle Buchhinweise, Philosophische Bücher

“Der Kosmopolit” heisst das neue Buch des in Princeton lehrenden Philosophen Kwame Anthony Appiah, er wurde in London geboren, ist aber in Ghana aufgewachsen, das Thema ist ihm also auch persöhnlich vertraut. Das Buch hat den Untertitel: “Philosophie des Weltbürgertums”. Dieser Begriff klingt zunächst etwas “klassisch”, wenn nicht antiquiert. Tatsächlich aber zeigt Kwame A. Appiah, dass angesichts des “Krieges der Kulturen” und der eher beliebigen Multi-Kulti Szene der “Kosmopolit” seine Einbindung in die Menschheit ernst nimmt, ohne dabei “den Nächsten” nebenan zu vergessen. Er plädiert für ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen Solidarität mit den Fernsten und der Nächstenliebe.  “Weltbürgertum” hat ebenso viel mit Intelligenz, kritischem Nachdenken zu tun wie mit Engagement” (S 201) . Nur mit der kritischen Vernunft ist zu entscheiden, welche Hilfe für die ungerecht behandelten Menschen etwa im Süden der Welt wirksam und nachhaltig ist. Spenden allein ist dem Weltbürger völlig unangemssen, er legt Wert auf kritische Bildung und auch auf kritische Nachfrage bei den Politikern des eigenen Landes, wie es denn mit der Verpflichtung bestellt ist, Menschen in Not, etwa in der sogen. Dritten Welt, wirksam zu helfen.  Leider erwähnt der Autor nicht die Rolle der Kirchen, die sich als weltweite Organisationen verstehen und eigentlich die geeigneten Orte wären, Weltbürger auszubilden und das Kosmopolitische zu leben. Hingegen begrenzen sich die meisten Kirchen darauf, zu Spenden aufzurufen und Informationen zu publizieren, die unmittelbar das Spendewesen stützen. Und das Nebeneinander von sogen. fremdsprachigen Gemeinden (Afrikaner, Lateinamerikaner usw. ) und z.B. deutschen Gemeinden ist Ausdruck für die Abwesenheit kosmopolitischer Verbundenheit. Ohne die Förderung der Demokratie, davon ist der Autor überzeugt, wird es keine Anerkennung der Menschenrechte für alle geben, an der ja der Weltbürger leidenschaftlich interessiert ist. “Was wir brauchen ist Vernunft, keine Explosion der Gefühle (etwa bei Spendenaufrufen anläßlich von Katstrophen).  S. 204.

Das Buch “Der Kosmopolit” ist in der beckschen reihe erschienen, München 2009, 222 Seiten, 12, 95 Eruo.



Kritik der Hegelschen Geschichtsphilosophie

7. Februar 2010 | Von CM | Kategorie: Philosophische Bücher

Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus“

Eine Arbeit von László F. Földényi.

Er ist ein inzwischen europaweit geschätzter Kulturtheoretiker, Literaturkritiker und Übersetzer, er lebt in Budapest.

Der Text bezieht sich auf die Auseinandersetzung Dostojewskis mit der „Philosophie der Weltgeschichte“ von G.W.F. Hegel, eine Auseinandersetzung, die ausgerechnet während der Verbannung des Dichters nach Sibirien (1849 – 1853) stattfand.

Der ungarische Autor kann auf wenigen Seiten ein Kernproblem der Philosophie Hegels auf den Punkt bringen. Warum gesteht der Philosoph der Wirklichkeit Sibiriens (wie anderer entlegener Regionen, etwa Afrika) keine welthistorische Bedeutung zu? „Hegel will von einer unbekannten Welt nichts wissen…Er kennt den Abgrund der (sibirischen) Hölle nicht“ (S. 45). Hegels „moderne Philosophie“ würdige nur den Fortschritt, nur die Vernunft, das Glänzende, das Siegreiche, für die Europäer natürlich. Für Abgründe und Unvernunft, für Höllen und Niederlagen gebe es bei Hegel keinen wesentlichen Platz. Dahinter verbirgt sich „Furcht vor dem Unverständlichen, Scheu vor der Dunkelheit“.

Meines Erachtens wurde selten in so komprimierter Form die Hegelsche Vernunft Philosophie als begrenzt und z.T. unmenschlich dargestellt, unmenschlich, weil sie dem Leiden des einzelnen keine Würdigung zuteil werden lässt.Darüber hinaus weckt dieses Buch wieder neues Interesse, Dostojewski, den Dichter – Philosophen, zu lesen. Nur ein aktueller Satz aus „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“: „Haben Sie noch nicht bemerkt, dass die raffiniertesten Schlächter und Henker fast ausnahmslos die zivilisiertesten Herren waren?“… (S. 54).

Der Text umfasst 60 (kleine) Seiten, er ist im Verlag Matthes und Seitz,  Berlin, 2008 erschienen und kostet 10 Euro.



Sloterdijks “Philosophische Temperamente”

25. Dezember 2009 | Von CM | Kategorie: Philosophische Bücher

Peter Sloterdijks “Philosophische Temperamente” –   eine Buchempfehlung

Welches philosophische Temperament habe ich? Bin ich mehr Skeptiker als Analytiker, mehr Dialektiker als Hermeneutiker? Oder bin ich als Philosophierender noch auf der Suche nach meinem eigenen, persönlichen Stil zu denken …und damit :  zu leben? Mit diesen Fragen wird sich der Leser von Peter Sloterdijks neuem Buch “Philosophische Temperamente. Von Platon bis Foucault”   befassen. Und Sloterdijk will – zumindest indirekt- diese Fragen stimulieren, denn für ihn ist Philosophieren alles andere als eine hermetisch verschlossene akademische Universitäts-Angelegenheit. Dieses glänzend geschriebene und inspirierende Buch bietet 19 kleine oder manchmal etwas größere Skizzen zum Profil wichtiger Philosophen, von Platon über Descartes und Kant und Fichte hin zu Wittgenstein und Foucault.  In knappen Formulierungen wird das Eigentümliche der jeweiligen Philosophen herausgearbeitet, voller Überraschungen und neuer Blickwinkel. Zu Wittgenstein etwa schreibt Peter Sloterdijk: “So wird für Wittgenstein das Denken zu einem Navigieren zwischen Inseln der formalen Klarheit, die im unklaren Ungeheuren zerstreut liegen” (s. 126f). Spannend auch einige Sätze aus dem Platon Profil: “Statt der märchenfrohen Narkosen und der rhapsodischen Enthusiasmen strebte die philosophische Rede (Platons) einen Zustand der kritischen Nüchternheit an, die seit jeher als das Arbeitsklima des authentischen Philosophierens gegolten hat…Sofern sie Aufklärung war, konnte die Philosophie nicht anders, als die altreligiösen Seelenverfassungen und die kruden Göttergeschichten zu entzaubern…” (s. 22). Ein lesenswertes Buch, das hoffentlich zu weiten Gesprächskreisen der Philosophierenden inspirieren kann, für Menschen auf der Suche nach dem eigenen Temperament, dem philosophischen.

Peter Sloterdijk, Philosophische Temperamente. 145 Seiten, Diederichs Verlag 2009.