Aktuelle Buchhinweise

“Die Freiheit wird euch wahr machen” Ein neues Buch über Jacques Gaillot

4. September 2010 | Von CM | Kategorie: Aktuelle Buchhinweise, Theologische Bücher

Einer der wichtigsten Reformer der katholischen Kirche wird am 11. 9. 2010 75 Jahre alt. Aus diesem Anlaß erscheint das Buch:

Die Freiheit wird euch wahr machen. Ein Buch anlässlich des 75. Geburtstages von Jacques Gaillot. Hg. von Roland Breitenbach unter Mitarbeit von Katharina Haller, Zürich, und Christian Modehn, Berlin.
200 Seiten; 12 S. farbiger Bildteil.
Es kostet 18.80 – Die ISBN lautet: 978-3-926300-64-5.
Reimund Maier Verlag, Schweinfurth.

—–Ein Hinweis auf eine aktuelle Radiosendung über Jacques Gaillot:

Ein Text, der einer Sendung von Christian Modehn über Bischof Jacques Gaillot im Deutschlandfunk am 3. September 2010, um 9. 35 zugrunde lag.

Machtlos und frei
Bischof Jacques Gaillot wird 75 Jahre alt
Von Christian Modehn

1. SPR.: Berichterstatter
2. SPR.: Übersetzer

Moderationshinweis:
Er gilt weltweit als DIE Symbolfigur eines progressiven Katholizismus. Theologische Tabuthemen kennt er nicht, radikal sind seine Reformvorschläge. Aber jetzt will er dem Kirchenrecht Genüge tun: der französische Bischof Jacques Gaillot. In wenigen Tagen (am 11. September) wird er 75 Jahre. Und in diesem Alter müssen katholische Oberhirten in den Ruhestand treten. Einen Bischofspalast braucht Gaillot deswegen nicht zu verlassen, denn er lebt seit 15 Jahren in einem kleinen Zimmer des Klosters der „Väter vom Heiligen Geist“ im 5. Pariser Arrondissement: Hier hat er Zuflucht gefunden, als ihn der Papst im Januar 1995 wegen allzu radikaler Ansichten absetzte. Christian Modehn hat Bischof Gaillot über viele Jahre zu Interviews getroffen.

1. O TON:
2. SPR.:
Ich verwechsele die Kirche Christi nicht mit einer bestimmten Art, wie die Kirche heute funktioniert. Oder mit einer Institution, die nur auf die Disziplin achtet. Meine vorrangige Sorge gilt eigentlich nicht der Kirche, sondern dem Leben der Leute, dem modernen Leben; es geht um die Menschen, nicht um die Kirchendisziplin.

1. SPR.:
Bischof Jacques Gaillot in einem Interview, mitten in Paris, Anfang Februar 1995. Erst wenige Tagen zuvor wurde er vom Vatikan als Bischof von Evreux in der Normandie abgesetzt. Was waren seine „Untaten“? Er hatte seit 1982 in beständiger Regelmäßigkeit öffentlich und in aller undiplomatischen Deutlichkeit die Abschaffung des Zölibatsgesetzes gefordert; er trat für das Priestertum der Frauen ein; er verteidigte die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen- Paaren, zudem hatte er Verständnis für die Abtreibung, den Gebrauch von Kondomen fand er als Schutz vor AIDS ganz normal. Ohne tief greifende Reformen habe die Kirche keine Zukunft, lautete sein immer wieder kehrendes Bekenntnis über all die Jahre bei seinen zahlreichen Auftritten in allen Fernseh- und Radiostationen Frankreichs. Für ihn waren sie eine günstige Gelegenheit, auch die Rechte der Ausländer einzuklagen und die Wohnungslosen und Obdachlosen entschieden zu verteidigen. Um Wehrdienstverweigerer kümmerte er sich genauso wie um Befreiungstheologen. Gaillot galt nicht nur als Kirchenrebell. Er war in seiner eher radikalen Position auch politisch höchst unbequem. Darum waren es „besorgte Katholiken“ wie auch konservative Politiker, die sich gemeinsam in Rom für die Absetzung Bischof Gaillots stark machten. Aber schon kurz nach seiner Absetzung war er gar nicht so unglücklich:

2. O TON:
2.SPR.:
Ich glaube, die Kirche hat mir einen Dienst erwiesen. Sie hat mich in eine Diözese ohne Grenzen hineingestoßen; sie hat mir, so würde ich sagen, erlaubt, dass ich mich befreie.

1. SPR.:
Der Ort der Befreiung hat für Gaillot einen Namen: Es ist der Wüstenort Partenia in Algerien, der nur noch als Titel eines längst untergegangenen Bistums existiert. Der Kirchenreformer Gaillot wurde also „Titularbischof von Partenia“. Er und seine Freunde machten dieses eher imaginäre Bistum zum Sammelpunkt von Menschen, die grundlegende Reformen in Kirche und Gesellschaft einklagen. Sofort wurde ein viel beachteter Internetaufritt geschaffen, der monatlich bis zu 800.000 Besucher aus aller Welt zählte. So entstanden neue Kontakte, Jacques Gaillot wurde zum reisenden „Wüstenbischof“, der nicht nur in ganz Europa, sondern noch in den abgelegenen Ecken des Amazonas oder im kanadischen Norden progressive Christen oder Verteidiger der Menschenrechte stärken wollte. Immer wenn er in Paris war, trat er öffentlich für die Belange der Flüchtlinge vor allem aus Nordafrika ein. Und er war bei Hausbesetzungen dabei, wenn Obdachlose ihr „Recht auf Wohnraum“ einklagten. Inmitten solcher Erfahrungen kam es immer wieder zu tieferen, geistlichen Gesprächen:

3. O TON
2. SPR.:
Es gibt Leute, die Jesus außerhalb der Kirchen entdecken als einen Menschen, der z.B. für die Frauen eingetreten ist oder für die Gleichheit der Menschen. Einst wurde das Evangelium durch die kirchliche Institution verbreitet. Heute ist Jesus nicht mehr in diese Grenzen eingebunden, das ist eine Chance für das Evangelium.

1. SPR.:
Gaillot möchte eine einfache, eine bescheidene und möglichst dogmenfreie Kirche fördern, eine Gemeinschaft, die vor allem in der praktischen Solidarität ihren Glauben bekennt. Die meisten Katholiken haben diese Haltung nicht verstanden, auch die französischen Bischöfe haben nur selten die Gemeinschaft mit ihrem radikalen Kollegen gesucht:

4. O TON
2. SPR::
Das letzte Mal zelebrierte ich eine Messe in der Kathedrale Notre Dame gemeinsam mit Bischöfen und Kardinälen anlässlich der Bestattung von Abbé Pierre im Jahr 2007. Tatsächlich habe ich wenig Verbindung mit der Hierarchie. Darüber bin ich nicht unglücklich, denn ich bin mit den Herzen vieler Leute verbunden.

1. SPR.:
Solange „Jacques“, wie ihn seine Freunde weltweit nennen, gesund bleibt, will er weiter Flüchtlinge, Ausländer und Obdachlose begleiten. Den Internetauftritt des virtuellen Bistums Partenia will er einstellen. Seinen Freunden überlässt er die Zukunft des inzwischen internationalen Netzwerkes:

5. O TON
2. SPR.:
Jacques Gaillot wird eines Tages nicht mehr da sein, dann muss wohl Partenia auch verschwinden oder aber: Partenia muss auf andere Art weitergehen: Man darf nicht zu viel festlegen, man muss die Freiheit walten lassen.

1. SPR.:
Aber auf diese Freiheit zu ungewöhnlichen Aktionen will Gaillot doch noch nicht ganz verzichten: So hat er erst vor einigen Wochen den traditionalistischen Abbé Philippe Laguérie getroffen, ausgerechnet jenen Priester, der in aller Schärfe damals aufs heftigste die Absetzung des progressiven Bischofs von Evreux forderte. Gespräche der Verständigung und Versöhnung nennt Gaillot solche ungewöhnlichen Begegnungen. An einen Rückzug aus der Öffentlichkeit denkt Jacques Gaillot auch als 75 Jähriger offenbar nicht.



Wer die Macht im Vatikan hat – ein neues Buch

8. August 2010 | Von CM | Kategorie: Religionskritik, Theologische Bücher

NDR INFO
Blickpunkt Diesseits, Sendung am 8. August 2010 um 12.05 Uhr

Wer die Macht hat
Ein neues Buch analysiert die Herrschaftsverhältnisse im Vatikan
Von Christian Modehn

Sie nennen sich „neue geistliche Gemeinschaften“: Die Legionäre Christi oder die Mitglieder des Opus Dei; andere Gruppen mit ebenso vielen tausend Mitgliedern haben auch merkwürdige Namen wie etwa die Focolarini, die Freunde von „Communione e liberazione“ oder die Neokatechumenalen Gemeinschaften. „Neu“, so behaupten diese Gemeinschaften, sei ihr Zusammenleben von Laien und Priestern, von Frauen und Männern, unter einem Dach. Dabei verschweigen sie, dass tatsächlich auch in diesen Kreisen der Klerus allein bestimmt, wie sich ihre Gruppe innerhalb der gesamten Kirche zu verhalten hat. „Geistlich“ nennen sich diese Kreise, um ihr besonderes Interesse an Frömmigkeit nach außen zu betonen. Aber so viele neue Impulse für eine moderne und freie Spiritualität können sie nicht bieten. Denn ihre absolute Ergebenheit dem Papst gegenüber und die Wiederholung alter dogmatischer Formeln lässt nur wenig Spielraum. Tatsächlich sind diese so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften mit immerhin 300.000 Mitglieder weltweit nicht nur geistlich, sondern vor allem auch politisch engagiert. Sie wollen seit 50 Jahren im Dienst der Päpste offizielle kirchliche Vorstellungen, etwa in Fragen der Sexualität oder der Ehe, auch gesellschaftlich durchsetzen. Hanspeter Oschwald analysiert in seinem neuen Buch „Im Namen des heiligen Vaters“ diese Gruppen. Sie agieren weltweit und unterstützen mit allen Mitteln, z.B. durch umfassende Medienauftritte und durch theologische Institute, eine klare Tendenz, wenn sie lautstark propagieren: Das Zweite Vatikanische Reformkonzil Mitte der neunzehnhundert sechziger Jahre sei nicht ein mutiger Neubeginn, sondern ein bescheidenes Ereignis unter vielen. Darum sollte man das hierarchische Kirchenmodell von einst wieder pflegen. Hanspeter Oschwald berichtet auch vom Innenleben dieser Gruppen: Da werden Ehen arrangiert, da wird die öffentliche Beichte praktiziert mit allem Verlust an Privatsphäre; da werden, wie bei den Legionären Christi, jahrelang die pädophilen Verbrechen des Ordensgründers von den eigenen Mitgliedern übersehen und geduldet; da werden enge partiepolitische Bande geknüpft, etwa mit der Regierung Berlusconi, weil sich die Kirche dadurch materielle Vorteile erhofft. Die neuen geistlichen Gemeinschaften sind zwar sehr unterschiedlich in ihrer Art, das Katholische zu leben: Die einen sind mehr enthusiastisch und nach außen hin fröhlich, wie die Charismatiker; die anderen schwören auf das Auswendiglernen des traditionellen Katechismus, wie die Neokatechumenalen. Alle aber haben ein gemeinsames Ziel: Sie wollen den Papst dadurch unterstützen, dass sie möglichst viele junge Männer fürs Priestertum begeistern. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht diese jungen Kleriker ausdrücklich antimodernen Vorstellungen folgten. Für Hanspeter Oschwald haben sich diese neuen geistlichen Gemeinschaften längst in den vatikanischen Leitungsstrukturen etabliert. Sie wollen als die „hundertprozentig“ Treuen den Kernbestand des Katholizismus darstellen, also die kleine treue Herde, wie sie so häufig beschworen wird als „heiliger Rest“, nachdem die Progressiven und an Kirchenreform interessierten Katholiken längst innerlich oder äußerlich die Kirche verlassen haben. Für den mit alten Traditionen eng verbundenen Benedikt XVI. sind diese so genannten „geistlichen Gemeinschaften“ die engsten Freunde. Ihnen gehört in seiner Sicht die Zukunft.

Hanspeter Oschwald, Im Namen des Heiligen Vaters. Wie fundamentalistische Kräfte den Vatikan steuern. Heyne Verlag, München 2010. 384 S., 19,95 €.



Gleichgültigkeit – ein Laster oder auch eine Tugend?

12. März 2010 | Von CM | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher

In der Reihe PUBLIK FORUM EXTRA ist jetzt ein interessantes Heft erschienen mit dem Titel: “Mir doch egal. Über die Gleichgültigkeit”, herausgegeben von Doris Weber.
Hier ein Auszug aus meinem Betrag “Mit Seelenruhe”.

In der griechischen Philosophie, die ja niemals eine bloß akademische Angelegenheit von Theoretikern war, sondern immer eine Schule des „guten Lebens“, spielt die Gleichgültigkeit als eingeübte Lebenshaltung eine herausragende Rolle, nicht nur bei den Skeptikern, vor allem auch in der Schule der Stoa. Diese „Stoiker“ haben die bis heute respektierte Lehre eines gleichgültigen Lebens vorangebracht. Der Philosoph Epiktet (55 bis 135 n. Chr.) musste erleben, wie die griechischen Stadtstaaten zerfielen, wie der vertraute Lebensraum der Demokratie längst verschwunden war. Da blieb dem einzelnen als Ausweg nur die „Selbsterziehung“, um zum inneren Glück zu finden. Wer die Seele wichtiger findet als das irdische Wohlergehen, wird gleichgültig, es ist für ihn egal, ob er nun lebt oder stirbt, ob er gesund ist oder krank. Es ist „letztlich“ egal, ob er sich vergnügt oder leidet, ob er schön oder hässlich ist. Alle diese Lebensumstände sind von der göttlichen Vernunft ohnehin vorgegeben. Der Mensch muss dieses göttliche Prinzip annehmen, wie es ist. So wird alles Weltliche relativiert, es gibt keine Auseinandersetzungen mehr um dieses oder jenes schöne Gut oder um dieses oder jenes Vergnügen. Die Zerstreutheit des Lebens, das innere Zerrissensein, kann in einem gleichgültigen Lebensstil überwunden werden, weil alle Dinge dieser Welt für den Stoiker von gleichem Wert sind. Nur eine Sache ist jeder Gleichgültigkeit enthoben, und darin liegt der besondere Beitrag der Stoa: Das moralische Bewusstsein eines jeden Menschen ist absolut wertvoll. Gutes tun ist oberstes Gebot. Ein gewisser Spielraum der Freiheit bleibt also erhalten, auch wenn der Logos, die göttliche Vernunft in ihrer Vorsehung alles bestimmt. Es gilt das Gute zu tun, auch wenn man nicht weiß, ob das Handeln tatsächlich erfolgreich ist. Ist alles Tun ein Missgeschick, so muss es gelassen angenommen werden. Die göttliche Vernunft, die alles durchwirkt, wird es schon richten. Nur so stellt sich die „Ruhe der Seele“ ein, das Lebensziel.
Aber die Seelenruhe ist keineswegs ein passives Erdulden aller nur möglichen Lebensumstände. Philosophen aus der Schule der Stoa schalteten sich in die Politik ein, um die Korruption zu bekämpfen, auch wenn sie wussten, wie selten konstruktive Verbesserungen der politische Lage gelingen. Trotzdem setzten sich Philosophen der Stoa für politische und soziale Reformen ein. Der Stoiker Epiktet versuchte schon das System der Sklaverei zu sprengen, als er an die Brüderlichkeit aller Menschen appellierte. Und der Philosoph Sphairos versuchte, die Könige von Sparta, Agis und Cleomene zu einer Vernunft geleiteten Politik zu motivieren. „Die Philosophen haben niemals die Hoffnung aufgegeben, ihre Gesellschaft zu verändern, und sei es nur durch das Vorbild ihres Lebens“, schreibt der in Paris lebende Philosoph Pierre Hadot.

Die Gleichgültigkeit konnte in der Stoa als Tugend nur gepriesen werden, weil sich die Menschen letztlich von einem alles umfassenden göttlichen Sinn, dem Logos, getragen wussten.
Was bedeutet heutigen Menschen die Pflege der Gleichgültigkeit im Sinne der Stoa? Gleichgültigkeit kann nicht dazu führen, sich wie einst die Eremiten aus dieser Welt völlig zurückzuziehen. Gleichgültigkeit meint nicht, immer und überall still zu halten oder gar wieder die politisch belastete Parole „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ zu propagieren. Das heute gängige Prädikat „stoisch“ trifft die wahre Stoa ganz und gar nicht! Wer sich in der Gleichgültigkeit übt, wird zum ständigen Nachdenken aufgefordert: Was ist wichtig für mein eigenes und einmaliges menschliches Leben und die Gesundheit meiner Seele? Woran binde ich mich und was ist mir egal? Die Stoiker waren radikal: Nur im Tun des Guten findet der Mensch sein Glück. Alles andere ist gleich – gültig! Und diese Haltung bedeutet heute, aktiv die Unkultur der permanenten Ruhelosigkeit zu überwinden, Widerstand zu leisten gegen alle Propaganda, die uns angesichts der wirtschaftlichen Krisen auch seelisch beunruhigen und erschüttern will. Warum kann denn nicht weniger auch mehr sein, fragen die Stoiker? Warum kann der Verlust an Gütern nicht ein Gewinn ganz anderer Art sein?
Philosophen können nur Vorschläge machen. In der Meditation, dem Innehalten, kann sich der tragende Lebensgrund zeigen. Nur in Verbindung mit ihm kann ein „gleichgültiger Lebensstil“ praktiziert werden.

Der ganze text wie auch die übrigen Beiräge können in dem EXTRA Heft nanchgelesen werden. bestellen bei: Publik Forum, 61410 Oberursel. www.publik-forum.de



Gemeinsames Abendmahl ist möglich – Perspektiven des Reformators Philipp Melanchthon

5. März 2010 | Von CM | Kategorie: Theologische Bücher

Im Mai findet der 2. Ökumenische Kirchentag in München statt. Wieder verhindern die katholischen Bischöfe das gemeinsame Abendmahl mit Protestanten, obwohl theologisch heute nichts mehr dagegen spricht und auch die Mehrheit der Katholiken laut Umfragen dafür ist. Die römische Zentralgewalt will sich machtvoll durchsetzen. Und die Protestanten wollen in der Sache nicht “protestieren”, also Widerstand leisten. Bezeichnenderweise findet wenige Tage vorher das Gedanken an den großen Reformator Philipp Melanchthon statt. Er hat sich stets für die Einheit der Kirchen ausgesprochen, er war um des hochgeschätzten Friedens willen sogar bereit, auch das Papsttum als organisierende Struktur, nicht aber als Herrschaftsinstrument, anzuerkennen. Und er war bereit, sich auch mit den damals noch als Gegnern wahrgenommenen Reformierten um Calvin zu verständigen. Aber auch diese Bemühungen Melanchthons scheiterten. Er schrieb 1530 Worte, die heute von drängender Aktualität sind:
“Man wird sich noch lange streiten, bis es den Heiden ein Greuel ist. Da disputieren sie über das Abendmahl, gleich als ob sie in den Himmel gesehen und Jesus gefragt hätten, wie er denn die Worte: „Das ist mein Leib“ verstanden habe. Diese Theologen werden es hier auf Erden nicht klären. Es gehört sich wohl nicht für uns schwache Menschen, alles ergrübeln und erforschen zu wollen. Genug ist zu wissen und zu glauben, was zu unserem Heil nötig ist. Das übrige macht nur Zank. Woran Jesus gewiss keinen Gefallen hat”.

Und kurz vor seinem Tod 1560 schrieb er:
“Jetzt ist ein eisernes Zeitalter angebrochen. Da bekämpfen sich Menschen, die eigentlich in der Verbundenheit derselben Religion die engsten Verbündeten sein müssten. Meine Krankheit tut mir nicht so weh wie der große Jammer um das Elend der heiligen christlichen Kirchen. Das Elend entsteht aus der unnötigen Trennung, aus der Bosheit und dem Mutwillen der Menschen, die sich aus unmenschlichem Neid und Hass abgesondert haben”.

Der sonst so friedlich sanfte Reformator Melanchthon konnte sich nicht bremsen, als er das unevangelische Gehabe und Verhalten katholischer Bischöfe damals erlebte:
„Bischof heißt nicht =bi de schoof=, also =bei den Schafen=, wie der Prediger Johann von Kaysersberg einmal gesagt hat. Die heutigen Bischöfe lassen sich durch keine Etymologie und Wortspielereien bewegen, da muss man etwas anderes beibringen. Bischof heisst also sarkastisch gesagt: =Bies de Schof=, also =Beiße die Schafe=. Denn das passt besser auf die gegenwärtigen Bischöfe, weil sie weder die wahren Aufseher über ihre Gemeinden sind noch Hirten oder gar Hüter ihrer Schafe. Sie beißen ihre Schafe“.

Entnommen: Uwe Birnstein. Der Humanist. Was Philipp Melanchthon Europa lehrte. Wichern Verlag, 2010, S. 111 und 82 und 95.



Philosophie des Weltbürgertums. Ein Buch von Kwame A. Appiah

20. Februar 2010 | Von CM | Kategorie: Aktuelle Buchhinweise, Philosophische Bücher

“Der Kosmopolit” heisst das neue Buch des in Princeton lehrenden Philosophen Kwame Anthony Appiah, er wurde in London geboren, ist aber in Ghana aufgewachsen, das Thema ist ihm also auch persöhnlich vertraut. Das Buch hat den Untertitel: “Philosophie des Weltbürgertums”. Dieser Begriff klingt zunächst etwas “klassisch”, wenn nicht antiquiert. Tatsächlich aber zeigt Kwame A. Appiah, dass angesichts des “Krieges der Kulturen” und der eher beliebigen Multi-Kulti Szene der “Kosmopolit” seine Einbindung in die Menschheit ernst nimmt, ohne dabei “den Nächsten” nebenan zu vergessen. Er plädiert für ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen Solidarität mit den Fernsten und der Nächstenliebe.  “Weltbürgertum” hat ebenso viel mit Intelligenz, kritischem Nachdenken zu tun wie mit Engagement” (S 201) . Nur mit der kritischen Vernunft ist zu entscheiden, welche Hilfe für die ungerecht behandelten Menschen etwa im Süden der Welt wirksam und nachhaltig ist. Spenden allein ist dem Weltbürger völlig unangemssen, er legt Wert auf kritische Bildung und auch auf kritische Nachfrage bei den Politikern des eigenen Landes, wie es denn mit der Verpflichtung bestellt ist, Menschen in Not, etwa in der sogen. Dritten Welt, wirksam zu helfen.  Leider erwähnt der Autor nicht die Rolle der Kirchen, die sich als weltweite Organisationen verstehen und eigentlich die geeigneten Orte wären, Weltbürger auszubilden und das Kosmopolitische zu leben. Hingegen begrenzen sich die meisten Kirchen darauf, zu Spenden aufzurufen und Informationen zu publizieren, die unmittelbar das Spendewesen stützen. Und das Nebeneinander von sogen. fremdsprachigen Gemeinden (Afrikaner, Lateinamerikaner usw. ) und z.B. deutschen Gemeinden ist Ausdruck für die Abwesenheit kosmopolitischer Verbundenheit. Ohne die Förderung der Demokratie, davon ist der Autor überzeugt, wird es keine Anerkennung der Menschenrechte für alle geben, an der ja der Weltbürger leidenschaftlich interessiert ist. “Was wir brauchen ist Vernunft, keine Explosion der Gefühle (etwa bei Spendenaufrufen anläßlich von Katstrophen).  S. 204.

Das Buch “Der Kosmopolit” ist in der beckschen reihe erschienen, München 2009, 222 Seiten, 12, 95 Eruo.



Kritik der Hegelschen Geschichtsphilosophie

7. Februar 2010 | Von CM | Kategorie: Philosophische Bücher

Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus“

Eine Arbeit von László F. Földényi.

Er ist ein inzwischen europaweit geschätzter Kulturtheoretiker, Literaturkritiker und Übersetzer, er lebt in Budapest.

Der Text bezieht sich auf die Auseinandersetzung Dostojewskis mit der „Philosophie der Weltgeschichte“ von G.W.F. Hegel, eine Auseinandersetzung, die ausgerechnet während der Verbannung des Dichters nach Sibirien (1849 – 1853) stattfand.

Der ungarische Autor kann auf wenigen Seiten ein Kernproblem der Philosophie Hegels auf den Punkt bringen. Warum gesteht der Philosoph der Wirklichkeit Sibiriens (wie anderer entlegener Regionen, etwa Afrika) keine welthistorische Bedeutung zu? „Hegel will von einer unbekannten Welt nichts wissen…Er kennt den Abgrund der (sibirischen) Hölle nicht“ (S. 45). Hegels „moderne Philosophie“ würdige nur den Fortschritt, nur die Vernunft, das Glänzende, das Siegreiche, für die Europäer natürlich. Für Abgründe und Unvernunft, für Höllen und Niederlagen gebe es bei Hegel keinen wesentlichen Platz. Dahinter verbirgt sich „Furcht vor dem Unverständlichen, Scheu vor der Dunkelheit“.

Meines Erachtens wurde selten in so komprimierter Form die Hegelsche Vernunft Philosophie als begrenzt und z.T. unmenschlich dargestellt, unmenschlich, weil sie dem Leiden des einzelnen keine Würdigung zuteil werden lässt.Darüber hinaus weckt dieses Buch wieder neues Interesse, Dostojewski, den Dichter – Philosophen, zu lesen. Nur ein aktueller Satz aus „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“: „Haben Sie noch nicht bemerkt, dass die raffiniertesten Schlächter und Henker fast ausnahmslos die zivilisiertesten Herren waren?“… (S. 54).

Der Text umfasst 60 (kleine) Seiten, er ist im Verlag Matthes und Seitz,  Berlin, 2008 erschienen und kostet 10 Euro.



Sloterdijks “Philosophische Temperamente”

25. Dezember 2009 | Von CM | Kategorie: Philosophische Bücher

Peter Sloterdijks “Philosophische Temperamente” –   eine Buchempfehlung

Welches philosophische Temperament habe ich? Bin ich mehr Skeptiker als Analytiker, mehr Dialektiker als Hermeneutiker? Oder bin ich als Philosophierender noch auf der Suche nach meinem eigenen, persönlichen Stil zu denken …und damit :  zu leben? Mit diesen Fragen wird sich der Leser von Peter Sloterdijks neuem Buch “Philosophische Temperamente. Von Platon bis Foucault”   befassen. Und Sloterdijk will – zumindest indirekt- diese Fragen stimulieren, denn für ihn ist Philosophieren alles andere als eine hermetisch verschlossene akademische Universitäts-Angelegenheit. Dieses glänzend geschriebene und inspirierende Buch bietet 19 kleine oder manchmal etwas größere Skizzen zum Profil wichtiger Philosophen, von Platon über Descartes und Kant und Fichte hin zu Wittgenstein und Foucault.  In knappen Formulierungen wird das Eigentümliche der jeweiligen Philosophen herausgearbeitet, voller Überraschungen und neuer Blickwinkel. Zu Wittgenstein etwa schreibt Peter Sloterdijk: “So wird für Wittgenstein das Denken zu einem Navigieren zwischen Inseln der formalen Klarheit, die im unklaren Ungeheuren zerstreut liegen” (s. 126f). Spannend auch einige Sätze aus dem Platon Profil: “Statt der märchenfrohen Narkosen und der rhapsodischen Enthusiasmen strebte die philosophische Rede (Platons) einen Zustand der kritischen Nüchternheit an, die seit jeher als das Arbeitsklima des authentischen Philosophierens gegolten hat…Sofern sie Aufklärung war, konnte die Philosophie nicht anders, als die altreligiösen Seelenverfassungen und die kruden Göttergeschichten zu entzaubern…” (s. 22). Ein lesenswertes Buch, das hoffentlich zu weiten Gesprächskreisen der Philosophierenden inspirieren kann, für Menschen auf der Suche nach dem eigenen Temperament, dem philosophischen.

Peter Sloterdijk, Philosophische Temperamente. 145 Seiten, Diederichs Verlag 2009.



Benedikts Kreuzzug – ein Buch von Alan Posener

12. September 2009 | Von CM | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Theologische Bücher

“Gefährlich und menschenverachtend“

Zu einem neuen Buch von Alan Posener über das politische Denken Benedikt XVI. .

Von Christian Modehn

Benedikt XVI. wird als „Mozart der Theologie“ hoch geschätzt und sogar als „Geistesriese“ in philosophischen Fragen gerühmt: Könnte man solche Lobeshymnen auch anstimmen, wenn man die politischen Auffassungen des deutschen Papstes näher kennt? Was hält er von Demokratie und Menschenrechten? Der Berliner Publizist Alan Posener hat diese Fragen untersucht. Sein Buch ist vor wenigen Tagen erschienen, es trägt den Titel: „Benedikts Kreuzzug“.  Christian Modehn hat es gelesen.

Alan Posener hat als freier Schriftsteller und Publizist auch für Zeitungen aus dem Springer Verlag gearbeitet. Sie haben bekanntermaßen nicht gerade den Ruf, eine Art Forum von Papstkritikern zu sein. Es waren persönliche Neugier und wissenschaftliches Interesse, die den Autor zum Studium der politischen Äußerungen des früheren Kardinals Joseph Ratzinger und heutigen Papstes Benedikt führten. Das  Ergebnis seiner Recherchen fasst Alan Posener im Untertitel seines Buches zusammen, „Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft“. Im Vorwort wird der Autor noch deutlicher: „Ich klage Benedikt an. Ich halte sein politisches Denken für irregeleitet, gefährlich und in letzter Instanz für menschenverachtend“.  Alan Posener liebt die Zuspitzung, auch die Polemik, und so ist seine reich dokumentierte Studie zugleich eine Aufforderung, über die politischen Auffassungen des Papstes zu debattieren und zu streiten. Denn die Sache ist schwerwiegend: Wenn das geistliche Oberhaupt von 1,3 Millionen Katholiken ein gebrochenes Verhältnis zur Demokratie hat, hat das letztlich weltweit Auswirkungen, zumindest bei Gläubigen, die sich als gehorsame und papsttreue Schäfchen sehen.

Wie sein Vorgänger hält auch der deutsche Papst, so wörtlich,  die demokratische Gesellschaft und die demokratische Staatsordnung bloß für „ein geringeres Übel gegenüber der Diktatur des Kommunismus“. Auch nach dem Zusammenbruch dieses totalitären Regimes bleibt die westliche Demokratie für den Papst trotzdem „ein Übel“. Denn in der Herrschaft des Volkes haben unterschiedliche Auffassungen und Meinungen gleiche Rechte. Jede Position ist in der Demokratie nun einmal  relativ, keine Überzeugung darf sich als einzige und unumstößliche Wahrheit präsentieren. Benedikt XVI. lehnt diese  demokratische Kultur ab, er nennt sie „die Diktatur des Relativismus“.  Sie fördere in ihrer angeblichen Beliebigkeit nur den Missbrauch der Freiheit und damit die Lust am Bösen. Dem hält Alan Posener entgegen: Wollen wir denn anstelle der angeblichen Diktatur der demokratischen Vielfalt etwa eine Diktatur der absoluten Wahrheit des Papstes? In seinem Buch führt Posener den Nachweis, wie Benedikt XVI. und seine Curie (sein Hofstaat) daran arbeiten, die moderne Welt unter die geistliche, moralische Herrschaft der Kirche zu stellen.

Der Autor hat auch die katholischen Quellentexte studiert, etwa den Katechismus, an dem Joseph Ratzinger als Kardinal mitwirkte, darin wird Demokratie gar nicht erwähnt.

Für viele Leser wird es überraschend sein zu erfahren, wie sich der Vatikan mit reaktionären islamischen Staaten verbündet, um eigene Positionen durchzusetzen, etwa in der Abwehr von Frauenrechten oder im Kampf gegen die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften. Interessant sind die Hinweise über die Kontakte zwischen dem Vatikan und dem Iran. Ausdrücklich lobt ein führender Jesuit aus Rom diesen fundamentalistischen, antisemitischen Staat, weil dort, so wörtlich, eben auch eine Hierarchie herrsche… Der Vatikan ist sich mit fundamentalistischen islamischen Staaten immer einig, wenn sie sich gemeinsam gegen kritische, angeblich blasphemische Karikaturen wehren. In diesen Fällen treten sie gemeinsam für die Einschränkung der freien Meinungsäußerung ein.

Alan Posener zeigt, wie Benedikt XVI. alles tut, um die moderne Vernunft zu diffamieren, jene Vernunft, die sich in der philosophischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts zu Wort meldete und letztlich zur Formulierung der Charta der Menschenrechte führte. Im Vatikan Staat hat z.B. die Gewaltenteilung keine Bedeutung.

Das neue Buch von Alan Posner wird, so ist zu hoffen, gründliche Diskussionen anstoßen, etwa über die Frage: Wie heilig ist denn der „Heilige Vater“ angesichts der hier vorgelegten Hinweise zu seinem vordemokratischen, wenn nicht antidemokratischen  Denken. Leider hat der Autor nicht die Frage beantwortet, warum denn der Vatikan seit etlichen Jahren zum Beispiel die Rechte der Armen in Afrika oder der Flüchtlinge und Arbeitslosen verteidigt. Zeigt sich darin nur die Caritas, die christliche Nächstenliebe, oder ist auch dieses Engagement nur eine Art Feigenblatt, um machtpolitische Interessen zu verbergen? Bei einer 2. Auflage dieses wichtigen Buches hätte man gern darauf eine Antwort.

Alan Posener, Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft. Ullstein Verlag Berlin, 272 Seiten, 18 Euro.

Dieser Beitrag wurde auch im NDR gesendet.