Alle Artikel des Autors

Die Freiheit zuerst: Jacques Gaillot wird 75

6. September 2010 | Von CM | Kategorie: Religionskritik

Die Freiheit zuerst
Jacques Gaillot wird 75 Jahre alt.
Ein katholischer Bischof, der für eine moderne und evangelische Kirche eintritt

Auch ein katholischer Bischof kann sich im „Religionsphilosophischen Salon“ wohl fühlen, weil er mit den Philosophen die Hochschätzung der Freiheit (von keiner Institution antastbare Freiheit zu denken, zu sprechen, als Freiheit eines jeden Menschen) teilt:
Bischof Jacques Gaillot (Paris) wird am 11. September 2010 75 Jahre alt. Er ist zweifellos eine der bedeutenden religiösen Gestalten der Gegenwart, weil er innerhalb des Katholizismus über viele Jahre ausdauernd und unermüdlich für demokratische Reformen, für grundlegende Veränderungen (z.B. Aufhebung des Zwangzölibates, für das Priestertum der Frauen usw.) eingetreten ist. Dabei ist sein Hauptanliegen die einfache, möglichst dogmenfreie „praktische“ Spiritualität im Sinne Jesu von Nazareth: Nächstenliebe, Solidarität, Gewaltfreiheit. Seit seiner Absetzung als Bischof von Evreux, Normandie, durch den Papst im Januar 1995 ist er Bischof des imaginären Wüstenbistums Partenia. Der Vatikan glaubte, den Reformer kalt zu stellen, aber das Gegenteil war der Fall: Über das Internet, meisterhaft betreut durch die Verlegerin Katharina Haller (Küsnacht, Zürich), haben sich weltweit Glaubende und „Nichtglaubende“ zusammengefunden. Partenia.org wird auch nach seinem 75. Geburtstag noch als Archiv fortbestehen. Gaillot war als Bischof von Partenia vielfach zu Gast in Deutschland. Kardinal Meisner hat ihm noch im Jahr 2004 einen Auftritt in Bonn verboten. Reisefreiheit und Redefreiheit gibt es offenbar nicht im Katholizismus….

Aus philosophischer Sicht ist bemerkenswert:

-Bischof Gaillot hat als einziger katholischer Bischof an den Feierlichkeiten zu Ehren des republikanischen Priesters Abbé Grégoire teilgenommen, dessen Gebeine zum 200. Gedenken an die Französische Revolution im Panthéon 1989 in Paris einen Ehrenplatz erhielten. Abbé Gregoire wollte im 18. Jahrhundert als Förderer der Republik eine demokratische katholische Kirche in Frankreich aufbauen, er ist angesichts der Machtverhältnisse gescheitert. Gaillot aber wollte die Erinnerung an diese ungewöhnliche Gestalt fördern und seinerseits Demokratie und Katholizismus verbinden. Auch er ist in diesem Punkt gescheitert, aber in ca. 500 Jahren werden sich dann vollends demokratische Katholiken an Gaillot als „Vorläufer“ erinnern.

-Es kommt äußerst selten vor, dass ein katholischer Bischof ausdrücklich den Religionskritiker und Philosophen VOLTAIRE lobt, Bischof Gaillot hat dies getan. In seinem Buch „Ma liberté dans l Eglise“, Albin Michel, 1989, S. 189 f. verteidigt er sogar ausdrücklich das „Recht auf Gotteslästerung“, auf „Blasphemie“. Dieses Recht verteidigt er im Blick auf den damals in katholischen Kreisen äußerst umstrittenen Film von Scorsese „Die letzte Versuchung Christi“. Gaillot hat den Film als Ausdruck der Freiheit der Kunst ausdrücklich unterstützt. Er schreibt in dem genannten Buch: „Ich bezog mich damals ausdrücklich auf Voltaire, im Moment, als die Affäre des Chevalier de la Barre 1766 die Gemüter bewegte. Der Chevalier wurde angeklagt, ein Kreuz beschädigt zu haben. Er gestand auch ein, dass er antireligiöse Lieder singe und das Philosophische Wörterbuch von Voltaire lese. Er musste öffentlich Abbitte leisten, dann schnitt ihm der Henker die Zunge aus dem Mund, dann köpfte er den Chevalier. Danach wurde sein Körper verbrannt. Der Philosoph Voltaire versuchte ohne Erfolg, ihn zu rehabilitieren. Der Nationalkonvent (der Revolution von 1789) tat es dann später. Voltaire sagte damals: Es gibt ein Recht auf Blasphemie, sonst gibt es keine wahre Freiheit“.
Ich habe dieses Wort aktuell aufgegriffen, weil ich eine wesentliche Frage nach der Dimenison der Freiheit stellen wollte. Indem die Kirche mit Verboten um sich schlägt, entfernt sie sich von allen Menschen, die die Freiheit lieben. Die Kirche wird dadurch sektiererisch und sie pflegt die Jagd auf Hexen. Voltaire meinte: Wenn man die Freiheit garantieren will, dann akzeptieren wir wenigstens auch das Recht auf Gotteslästerung. Verdient denn ein Filmemacher den Tod, wenn er einen „unfrommen“ Film dreht? Oder wenn ein Schriftsteller ein Buch über den Propheten schreibt, verdient er dann den Tod? Unser wesentliches Ziel muss darin bestehen: Bewahren wir die Freiheit, und sicherlich, auch die Freiheit des kreativen Ausdrucks. Um diese Freiheit zu verteidigen, muss man bis zur Gotteslästerung gehen”. In einem späteren Interview hat Bischof Gaillot betont, dass die so verstandene Gotteslästerung natürlich dem von Menschen gemachten, dem von Herrschern konstrierten “ideologischen” Gott glt, wahrscheinlich sollte man da eher von Göttern sprechen. Der wahre, der transzendente, ewige Gott ist in der Gotteslästerung nicht gemeint. Gotteslästerung kann also einen reinigenden, kritischen Aspekt haben…

-Philosophisch bedeutsam ist auch, dass Bischof Gaillot den Einladungen von Freimaurern zum Dialog folgte. In dem Buch „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“, Herder Verlag (!) 1990, S. 127, schreibt Gaillot: „ Kürzlich haben die Freimaurer mich zu einer „Sitzung in Weiß“ eingeladen, d.h. zu einem Vortrag mit anschließender Diskussion ausschließlich für Initiierte in der Loge des “Großen Orient” in Paris. Eine wirkliche Überraschung! Mit 400 Teilnehmern. Ich spreche vom Evangelium, von der Freiheit. Ein Funke springt über. Ein Teilnehmer fragt mich: „Können Sie mir einmal ganz offen sagen, ob ein Priester Freimaurer werden kann? Ohne Zögern antworte ich: „Heute abend haben Sie in Ihrer Versammlung einen Priester“. …Die Freimaurer haben Vertrauen in den Geist der Wissenschaft, ihre Bindung an die Vernunft ist eine Errungenschaft der Französischen Revolution“…

Ein neues Buch:
Am 10. September 2010 erscheint das Buch (mit verschiedenen Beiträgen seiner Freunde) über Jacques Gaillot: Der ihm gemäße Titel heißt: “Die Freiheit wird euch wahr machen“. Hg. von Roland Breitenbach. ISBN: 978-3-926300-64-5.
PS:
Ich habe zahlreiche Radiosendungen über J. Gaillot verfaßt und über ihn auch seit 1984 Beiträge in PUBLIK FORUM geschrieben. Hinzu kommen zwei Halbstundenfilme über diesen außergewöhnlichen Bischof:
-Im Oktober 1989 im Saarländischen Rundfunk für die ARD 1. Programm mit dem Titel:”Machtlos und frei”. Red. Norbert Sommer
-im Februar 1995 im Westdeutschen Rundfunk für die ARD 1. Programm mit dem Titel „In die Wüste geschickt“. Red. Friedhelm Lange.



Eine “multireligiöse Kirche”

4. September 2010 | Von CM | Kategorie: Interkultureller Dialog

Größer als der Gott Calvins
Eine holländische Pfarrerin gründet eine interreligiöse Gemeinde für »Patchwork-Religiöse« und Menschen auf der Suche

Von Christian Modehn, ein Beitrag für PUBLIK FORUM am 27. August 2010.

Ich bin Christ, praktiziere Zen-Meditation und schätze die buddhistische Spiritualität. Mein Freund ist liberaler Jude, aber auch eng verbunden mit der muslimischen Sufi-Tradition.« Solche Bekenntnisse hört man jetzt immer öfter. Wenn Menschen nicht mehr einer Religionsgemeinschaft folgen, sondern verschiedene spirituelle Traditionen zu einer neuen Einheit verbinden, spricht man von »Patchwork-Religiosität«. Ob dabei dann wirklich Patchwork, zu Deutsch: Flickwerk, entsteht oder eine harmonische Neuschöpfung, hängt von der religiösen Sensibilität der Person ab.

»Genau diesen Menschen will ich ein Angebot der Vertiefung und Begegnung machen«, sagt die holländische Theologin Joan Elkerbout. »Ich lade sie ein, eine Gemeinde zu bilden.« Die 40-Jährige hat selbst erfahren, dass der protestantische Glaube ihrer Familie nicht genügte, um entscheidende Lebensfragen zu beantworten. »Welche meditative Praxis haben denn zum Beispiel Protestanten?«, fragt die Pfarrerstochter. »Und ist Gott, das Geheimnis des Lebens, nicht größer als der Gott Calvins?«

Zunächst hat Joan Elkerbout Sozialarbeit studiert. Sie gründete ein erfolgreiches Beratungszentrum zur Abwehr aggressiven Verhaltens in Schule und Familie. Aber dann zog es sie doch zurück zu ihrem ursprünglichen Interesse an der Religion: In den USA lernte sie im Rahmen des Interfaith Movement die Mystiker der großen Religionen kennen. Die Bewegung für den interreligiösen Dialog unterhält dort inzwischen eine Reihe von Meditationszentren, Treffpunkten und Ausbildungsstätten. Dort wird auch ein neuer Typ von Pfarrerinnen und Pfarrern ausgebildet: Die Studierenden werden mit den großen Religionen vertraut gemacht und lernen, Gottesdienste mit Elementen aus verschiedenen Traditionen zu feiern. Die künftigen Pfarrer werden unterwiesen, neue Riten zu gestalten mit Menschen unterschiedlicher Spiritualität.

Im vergangenen Jahr wurde auch Joan Elkerbout zur »Interfaith«-Pfarrerin ordiniert. »Das war für mich ein wunderbares Ereignis: Die große neugotische Riverside Church in New York war überfüllt, dort haben auch Martin Luther King und Nelson Mandela schon gepredigt.« Die Feier ihrer Ordination wurde von Vertretern aller großen Weltreligionen begleitet. Auch die afrikanischen Religionen waren dabei, niemand sollte ausgeschlossen sein: »Denn uns geht es darum, das Gemeinsame und Verbindende aller spirituellen Traditionen freizulegen und zu fördern.«

Ihrer holländischen Gemeinschaft hat Joan Elkerbout den Namen Renais-Sense-Movement gegeben – ein anspruchsvoller Titel. Es geht um eine Art Wiedergeburt der Toleranz, um eine religiöse »Renaissance«. »Sense« steht für die Suche nach einem neuen Sinn der vielen Weisheitstraditionen. In ihren Gottesdiensten trägt Elkerbout Texte aus verschiedenen heiligen Schriften vor. »Dann schweigen und meditieren wir gemeinsam. Wir haben Rituale mit Licht und in der Natur, wir bieten sakralen Tanz. Es geht einzig darum, dem gemeinsamen Lebensgrund nahe zu kommen, den viele Gott nennen.«

Als einen ihrer Inspiratoren nennt Elkerbout den katholischen Mönch Wayne Teasdale (1945-2004). Er war nicht nur mit dem Philosophen Ken Wilber gut bekannt, sondern auch mit dem verstorbenen Benediktinerpater Bede Griffith, der viele Jahre in einem Ashram in Indien lebte, ganz dem Dialog mit den Hindus hingegeben. »Teasdale, der auch mit dem Dalai Lama befreundet war und sich für das Parlament der Weltreligionen eingesetzt hat, lehrte uns, dass die Zukunft der Menschheit im Dialog liegt, nicht im Konfessionalismus.«

Das neuartige Angebot einer multireligiösen Gemeinde ist auch eine ganz eigene Antwort auf die gesellschaftliche Entwicklung in Holland. Über die Hälfte der Menschen dort gehört keiner Kirche an, gibt sich aber in Umfragen »als spirituell interessiert« zu erkennen. »Friede beginnt damit, sich auch der Weltanschauung des anderen zu öffnen, von ihm zu lernen«, sagt Elkerbout. »Nur so wird Fremdheit überwunden. Die Basis erleben wir schon jetzt in der Gemeinde: Sie heißt nicht Lehre und Dogma, sondern Mitgefühl und Liebe.«

Die ersten Gottesdienste der neuen interreligiösen Gemeinschaft fanden in den Kirchen der freisinnigen Protestanten, der Remonstranten, statt. Je stärker aber die Bewegung wächst, umso dringender werden wohl eigene »Tempel«. Die interreligiöse Gemeinde könnte ein wichtiges Angebot in einer Gesellschaft werden, die rechtslastigen Politikern und erklärten Muslim-Feinden wie Geert Wilders immer stärkeren Raum gibt. Das Klima von Hass und Vorurteil zu überwinden ist eine dringende Aufgabe, der sich die großen Kirchen Hollands bisher nicht gestellt haben.

Kontakt: www.renaissensemovement.nl



“Die Freiheit wird euch wahr machen” Ein neues Buch über Jacques Gaillot

4. September 2010 | Von CM | Kategorie: Aktuelle Buchhinweise, Theologische Bücher

Einer der wichtigsten Reformer der katholischen Kirche wird am 11. 9. 2010 75 Jahre alt. Aus diesem Anlaß erscheint das Buch:

Die Freiheit wird euch wahr machen. Ein Buch anlässlich des 75. Geburtstages von Jacques Gaillot. Hg. von Roland Breitenbach unter Mitarbeit von Katharina Haller, Zürich, und Christian Modehn, Berlin.
200 Seiten; 12 S. farbiger Bildteil.
Es kostet 18.80 – Die ISBN lautet: 978-3-926300-64-5.
Reimund Maier Verlag, Schweinfurth.

—–Ein Hinweis auf eine aktuelle Radiosendung über Jacques Gaillot:

Ein Text, der einer Sendung von Christian Modehn über Bischof Jacques Gaillot im Deutschlandfunk am 3. September 2010, um 9. 35 zugrunde lag.

Machtlos und frei
Bischof Jacques Gaillot wird 75 Jahre alt
Von Christian Modehn

1. SPR.: Berichterstatter
2. SPR.: Übersetzer

Moderationshinweis:
Er gilt weltweit als DIE Symbolfigur eines progressiven Katholizismus. Theologische Tabuthemen kennt er nicht, radikal sind seine Reformvorschläge. Aber jetzt will er dem Kirchenrecht Genüge tun: der französische Bischof Jacques Gaillot. In wenigen Tagen (am 11. September) wird er 75 Jahre. Und in diesem Alter müssen katholische Oberhirten in den Ruhestand treten. Einen Bischofspalast braucht Gaillot deswegen nicht zu verlassen, denn er lebt seit 15 Jahren in einem kleinen Zimmer des Klosters der „Väter vom Heiligen Geist“ im 5. Pariser Arrondissement: Hier hat er Zuflucht gefunden, als ihn der Papst im Januar 1995 wegen allzu radikaler Ansichten absetzte. Christian Modehn hat Bischof Gaillot über viele Jahre zu Interviews getroffen.

1. O TON:
2. SPR.:
Ich verwechsele die Kirche Christi nicht mit einer bestimmten Art, wie die Kirche heute funktioniert. Oder mit einer Institution, die nur auf die Disziplin achtet. Meine vorrangige Sorge gilt eigentlich nicht der Kirche, sondern dem Leben der Leute, dem modernen Leben; es geht um die Menschen, nicht um die Kirchendisziplin.

1. SPR.:
Bischof Jacques Gaillot in einem Interview, mitten in Paris, Anfang Februar 1995. Erst wenige Tagen zuvor wurde er vom Vatikan als Bischof von Evreux in der Normandie abgesetzt. Was waren seine „Untaten“? Er hatte seit 1982 in beständiger Regelmäßigkeit öffentlich und in aller undiplomatischen Deutlichkeit die Abschaffung des Zölibatsgesetzes gefordert; er trat für das Priestertum der Frauen ein; er verteidigte die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen- Paaren, zudem hatte er Verständnis für die Abtreibung, den Gebrauch von Kondomen fand er als Schutz vor AIDS ganz normal. Ohne tief greifende Reformen habe die Kirche keine Zukunft, lautete sein immer wieder kehrendes Bekenntnis über all die Jahre bei seinen zahlreichen Auftritten in allen Fernseh- und Radiostationen Frankreichs. Für ihn waren sie eine günstige Gelegenheit, auch die Rechte der Ausländer einzuklagen und die Wohnungslosen und Obdachlosen entschieden zu verteidigen. Um Wehrdienstverweigerer kümmerte er sich genauso wie um Befreiungstheologen. Gaillot galt nicht nur als Kirchenrebell. Er war in seiner eher radikalen Position auch politisch höchst unbequem. Darum waren es „besorgte Katholiken“ wie auch konservative Politiker, die sich gemeinsam in Rom für die Absetzung Bischof Gaillots stark machten. Aber schon kurz nach seiner Absetzung war er gar nicht so unglücklich:

2. O TON:
2.SPR.:
Ich glaube, die Kirche hat mir einen Dienst erwiesen. Sie hat mich in eine Diözese ohne Grenzen hineingestoßen; sie hat mir, so würde ich sagen, erlaubt, dass ich mich befreie.

1. SPR.:
Der Ort der Befreiung hat für Gaillot einen Namen: Es ist der Wüstenort Partenia in Algerien, der nur noch als Titel eines längst untergegangenen Bistums existiert. Der Kirchenreformer Gaillot wurde also „Titularbischof von Partenia“. Er und seine Freunde machten dieses eher imaginäre Bistum zum Sammelpunkt von Menschen, die grundlegende Reformen in Kirche und Gesellschaft einklagen. Sofort wurde ein viel beachteter Internetaufritt geschaffen, der monatlich bis zu 800.000 Besucher aus aller Welt zählte. So entstanden neue Kontakte, Jacques Gaillot wurde zum reisenden „Wüstenbischof“, der nicht nur in ganz Europa, sondern noch in den abgelegenen Ecken des Amazonas oder im kanadischen Norden progressive Christen oder Verteidiger der Menschenrechte stärken wollte. Immer wenn er in Paris war, trat er öffentlich für die Belange der Flüchtlinge vor allem aus Nordafrika ein. Und er war bei Hausbesetzungen dabei, wenn Obdachlose ihr „Recht auf Wohnraum“ einklagten. Inmitten solcher Erfahrungen kam es immer wieder zu tieferen, geistlichen Gesprächen:

3. O TON
2. SPR.:
Es gibt Leute, die Jesus außerhalb der Kirchen entdecken als einen Menschen, der z.B. für die Frauen eingetreten ist oder für die Gleichheit der Menschen. Einst wurde das Evangelium durch die kirchliche Institution verbreitet. Heute ist Jesus nicht mehr in diese Grenzen eingebunden, das ist eine Chance für das Evangelium.

1. SPR.:
Gaillot möchte eine einfache, eine bescheidene und möglichst dogmenfreie Kirche fördern, eine Gemeinschaft, die vor allem in der praktischen Solidarität ihren Glauben bekennt. Die meisten Katholiken haben diese Haltung nicht verstanden, auch die französischen Bischöfe haben nur selten die Gemeinschaft mit ihrem radikalen Kollegen gesucht:

4. O TON
2. SPR::
Das letzte Mal zelebrierte ich eine Messe in der Kathedrale Notre Dame gemeinsam mit Bischöfen und Kardinälen anlässlich der Bestattung von Abbé Pierre im Jahr 2007. Tatsächlich habe ich wenig Verbindung mit der Hierarchie. Darüber bin ich nicht unglücklich, denn ich bin mit den Herzen vieler Leute verbunden.

1. SPR.:
Solange „Jacques“, wie ihn seine Freunde weltweit nennen, gesund bleibt, will er weiter Flüchtlinge, Ausländer und Obdachlose begleiten. Den Internetauftritt des virtuellen Bistums Partenia will er einstellen. Seinen Freunden überlässt er die Zukunft des inzwischen internationalen Netzwerkes:

5. O TON
2. SPR.:
Jacques Gaillot wird eines Tages nicht mehr da sein, dann muss wohl Partenia auch verschwinden oder aber: Partenia muss auf andere Art weitergehen: Man darf nicht zu viel festlegen, man muss die Freiheit walten lassen.

1. SPR.:
Aber auf diese Freiheit zu ungewöhnlichen Aktionen will Gaillot doch noch nicht ganz verzichten: So hat er erst vor einigen Wochen den traditionalistischen Abbé Philippe Laguérie getroffen, ausgerechnet jenen Priester, der in aller Schärfe damals aufs heftigste die Absetzung des progressiven Bischofs von Evreux forderte. Gespräche der Verständigung und Versöhnung nennt Gaillot solche ungewöhnlichen Begegnungen. An einen Rückzug aus der Öffentlichkeit denkt Jacques Gaillot auch als 75 Jähriger offenbar nicht.



Die Weisheit der Alten

4. September 2010 | Von CM | Kategorie: Die Weisheit der Alten

Der Religionsphilosophische Salon hat sich immer als Ort der Religionskritik verstanden. Philosophie ohne Kritik der (real existierenden) Religionen ist undenkbar, wobei unter “Religionen” auch alle Formen von “Vergötterungen” in der Gesellschaft verstanden werden.
Wir beobachten, dass in den etablierten Kirchen, vor allem im Katholizismus, ausschließlich noch pensionierte, sagen wir es ruhig: alte Theologen den Mut aufbringen, Klartext zu sprechen. Wer heute noch in den Kirchen beschäftigt ist, hat nur äußerst selten den Mut, fundamental Kritisches öffentlich zu sagen. Das ist der Karriere schädlich, Beispiele dafür gibt es en masse. Die Hierarchie straft jeden Abweichler. Sie hat selbst keinen Sinn mehr für “Clowns”, für spielerisches ungewohntes Denken, das hatte unter den Renaissancepäpsten und Barockbischöfen noch einen gewissen Platz.
Um so dringender ist es, regelmäßig kritische “Stimmen der Alten” zu dokumentieren. Mutig sind sie eigentlich nicht, aber lesenswert sind die Stellungnahmen allemal.

Der 82 jährige Jesuit Wolfgang Seibel, München, einst Chefredakteur der zu seinen Zeiten nicht gerade progressiven Zeitschrift Stimmen der Zeit, äußerte sich jetzt kritisch zum Papstkult der römischen Kirche:
“Ich halte den Papstkult, der heute in der katholischen Kirche betrieben wird, für eines der Grundübel der katholischen Kirche. Da muss man alles loben, was vom Papst kommt”. Pater Seibel sagte dies im Blick auf den von einigen Bischöfen erzwungenen Rücktritt des kirchenkritischen Leiters der katholischen Journalistenschule in München (ifp). Seibel sagte: “Die Haltung der Bischofskonferenz ist eng, kleinkariert, und wenig tolerant. Dort herrscht ein Klima, das offene Kritik und eigenstndige Meinungen nicht mehr zuläßt”.
Vgl. Süddeutsche Zeitung, 23. August 2010, Seite 13, aus einem Bericht von Matthias Drobinski.



Menschenrechte sind keine “exklusiv christlichen Werte”: Das “Wort zur Woche”

4. September 2010 | Von CM | Kategorie: Das philosophische "Wort zur Woche"

“Worte zum Sonntag” haben eine lange Tradition, sie pflegen die Erbaulichkeit, sind meist auf biblische Traditionen bezogen, wollen den Glauben wecken.
Die neue Serie “Das philosophisches Wort zur Woche” will nicht Erbaulichkeit, sondern Denken und Dialog, Kritik und Selbstkritik fördern. Es werden meist knappe Texte von Philosophen oder philosophierenden Wissenschaftlern vorgestellt, Texte, die hoffentlich provieren, zur positiven Verunsicherung führen.

Die Menschenrechte sind universal
“Die Behauptung, die Menschenrechte seien quasi kulturgenetisch im Abendland verankert, ist historisch unsinnig. Historisch entstanden sie zwar erstmals im Westen, entscheidend ist aber das in dieser Geschichte Erlernte. Dieses ist durchaus auch übersetzbar in andere Kontexte und Konflikte. Deshalb geht es weder darum, ein spezifisches Kulturgut des Westens zu verteidigen, noch darum, ein solches quasi als Implantat in fremde kulturelle Kontexte zu übertragen. So ist es auch schlichter Unsinn, die Menschenrechte als exklusiv christliche Werte zu verkaufen. Das kann nur, wer von der Kirchengeschichte, nämlich dem heftigen Widerstand der Kirche gegen die Menschenrechte nichts weiß. Den Ursprung der Menchenrechte bilden vielmehr geschichtliche Unrechtserfahrungen…es gibt keineswegs eine eherne Unvereinbarkeit dieser Werte aufgrund unterschiedlicher Kulturen. Es geht bei den Menschenrechten immer um mühsame, noch nicht abgeschlossene Lernprozesse, hinter denen als Triebkraft letztlich Unrechtserfahrungen stehen. Übrigens: Die Kenntnisse zu den Menschenrechten sind in Deutschland schlicht mangelhaft – selbst innerhalb der juristischen Zunft”.
Der Rechtsphilosoph Heiner Bielefeldt, in: Herder – Korrespondenz, Freiburg, 2004, Seite 558.



“Mit sich selbst zu Rate gehen”: Philosophische Praxis

1. September 2010 | Von CM | Kategorie: Denkbar, Interkultureller Dialog

„Mit sich selbst zu Rate gehen“: Philosophische Praxis

Philosophie ist niemals nur eine Sache der Universitäten (oder, wie in Frankreich, der Schulen) gewesen. Aber erst in den letzten 30 – 40 Jahren lebt das Philosophieren und damit die Philosophie wieder deutlicher an der „Basis“. Diesen wichtigen Prozess begleiten und unterstützen vor allem philosophische Praktiker. Der Religionsphilosophische Salon bietet ein Interview mit Dr. Thomas Polednitschek, er ist philosophischer Praktiker in Münster. Im August 2010 hat er an der „10. Internationalen Konferenz Philosophischer Praktiker“ teilgenommen.

Welches Thema stand diesmal im Mittelpunkt?

Im Mittelpunkt der diesjährigen Konferenz im niederländischen Leusden stand das Thema “Erfahrung”. Philosophische Praktiker aus verschiedenen europäischen Ländern, aus den USA, aus Lateinamerika, Afrika und aus Korea diskutierten dieses Thema in zahlreichen angebotenen “Workshops”. Interessant z. B. der Workshop eines Praktikers aus Botswana, der junge Offiziersanwärter in der Armee “hinter” allem Gehorsam gegenüber der Befehlsgewalt mit seiner Arbeit zu autonom denkenden und selbstverantwortlich handelnden militärischen Führungskräften ausbilden will.

In welcher Weise wurden dabei unterschiedliche (internationale) Themen und Formen der “praktisch-philosophischen Arbeit” deutlich? Gibt es sozusagen “regionale Unterschiede”?

Ja, meiner Beobachtung nach gibt es diese Unterschiede durchaus, und zwar — oberflächlich betrachtet – zwischen einer mehr oder minder pragmatisch ausgerichteten anglo-amerikanischen Tradition und der kontinental-europäischen Denktradition. Für mich hat sich aber auf der Konferenz der Unterschied anders dargestellt, nämlich auf der einen Seite die Praktiker , die nur die “Denkwürdigkeit” der Praxis akzeptieren, nicht aber die praktische Relevanz der Theorie und auf der anderen Seite die Praktiker, die auf der Dialektik von Theorie und Praxis, von Denken und Erfahrung bestehen. Das ging nicht ohne Spannungen ab.

Sind Philosophische Praktiker “nur” in eigenen philosophischen Praxen tätig?

Nein, Philosophische Praktiker sind nicht nur in eigener Praxis, sondern z.B. auch mit Seminaren zu ethischen Fragestellungen im Wirtschaftsleben oder im Bildungssektor tätig. Dazu gehört z.B. in meiner Praxis die Seminarreihe” Was uns zu freien Menschen macht”. Hier werden “Schlüsselfiguren” unserer okzidentalen Denktradition auf ihr Freiheitsverständnis hin befragt. Es ist ja heute alles andere als von vornherein immer schon ausgemacht, wovon wir sprechen, wenn von der “Freiheit” die Rede ist.

Ist die Hauptaufgabe philosophischer Praxis die “Lebensberatung”?

Nein, die Hauptaufgabe Philosophischer Praxis ist nicht die Lebensberatung! Denn — entgegen einem weitverbreiteten Missverständnis – muss man sagen: Die Sache der Philosophischen Praxis ist nicht die Praxis der philosophischen Beratung, sondern die Sache der Philosophischen Praxis ist die Philosophie, zu der Philosophische Praxis mit ihrer Praxis des Philosophierens einen ganz neuen und eigenen Beitrag leistet! Philosophische Praxis hat nichts mit philosophischer Beratung zu tun, sondern mit der Praxis des Philosophierens, die es ihren Gästen oder Besuchern möglich macht, mit sich selbst zu Rate zu gehen. Die “Praxis des Philosophierens” und das dialogische Denken im Gespräch zwischen dem Praktiker und seinem Gast sind die zwei Seiten der einen Medaille.

Worin sehen Sie als philosophischer Praktiker die Bedeutung der Philosophie für die Lebensgestaltung des einzelnen?

“Geist ist das Leben, das selber in’s Leben schneide.” (Nietzsche). Die Bedeutung der Philosophie für die Lebensgestaltung des einzelnen sehe ich in einem philosophischen Denken, das “ins Leben eingreift” (Safranski). Eben ein solches Denken will die Praxis des Philosophierens in einer Philosophischen Praxis sein, denn Philosophische Praxis ist an einem Denken interessiert, das Menschen vitaler und wacher macht.

Weitere Informationen zue Philosophischen Praxis von Thomas Polednitschek:

http://www.pppolednitschek.de



Wer die Macht im Vatikan hat – ein neues Buch

8. August 2010 | Von CM | Kategorie: Religionskritik, Theologische Bücher

NDR INFO
Blickpunkt Diesseits, Sendung am 8. August 2010 um 12.05 Uhr

Wer die Macht hat
Ein neues Buch analysiert die Herrschaftsverhältnisse im Vatikan
Von Christian Modehn

Sie nennen sich „neue geistliche Gemeinschaften“: Die Legionäre Christi oder die Mitglieder des Opus Dei; andere Gruppen mit ebenso vielen tausend Mitgliedern haben auch merkwürdige Namen wie etwa die Focolarini, die Freunde von „Communione e liberazione“ oder die Neokatechumenalen Gemeinschaften. „Neu“, so behaupten diese Gemeinschaften, sei ihr Zusammenleben von Laien und Priestern, von Frauen und Männern, unter einem Dach. Dabei verschweigen sie, dass tatsächlich auch in diesen Kreisen der Klerus allein bestimmt, wie sich ihre Gruppe innerhalb der gesamten Kirche zu verhalten hat. „Geistlich“ nennen sich diese Kreise, um ihr besonderes Interesse an Frömmigkeit nach außen zu betonen. Aber so viele neue Impulse für eine moderne und freie Spiritualität können sie nicht bieten. Denn ihre absolute Ergebenheit dem Papst gegenüber und die Wiederholung alter dogmatischer Formeln lässt nur wenig Spielraum. Tatsächlich sind diese so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften mit immerhin 300.000 Mitglieder weltweit nicht nur geistlich, sondern vor allem auch politisch engagiert. Sie wollen seit 50 Jahren im Dienst der Päpste offizielle kirchliche Vorstellungen, etwa in Fragen der Sexualität oder der Ehe, auch gesellschaftlich durchsetzen. Hanspeter Oschwald analysiert in seinem neuen Buch „Im Namen des heiligen Vaters“ diese Gruppen. Sie agieren weltweit und unterstützen mit allen Mitteln, z.B. durch umfassende Medienauftritte und durch theologische Institute, eine klare Tendenz, wenn sie lautstark propagieren: Das Zweite Vatikanische Reformkonzil Mitte der neunzehnhundert sechziger Jahre sei nicht ein mutiger Neubeginn, sondern ein bescheidenes Ereignis unter vielen. Darum sollte man das hierarchische Kirchenmodell von einst wieder pflegen. Hanspeter Oschwald berichtet auch vom Innenleben dieser Gruppen: Da werden Ehen arrangiert, da wird die öffentliche Beichte praktiziert mit allem Verlust an Privatsphäre; da werden, wie bei den Legionären Christi, jahrelang die pädophilen Verbrechen des Ordensgründers von den eigenen Mitgliedern übersehen und geduldet; da werden enge partiepolitische Bande geknüpft, etwa mit der Regierung Berlusconi, weil sich die Kirche dadurch materielle Vorteile erhofft. Die neuen geistlichen Gemeinschaften sind zwar sehr unterschiedlich in ihrer Art, das Katholische zu leben: Die einen sind mehr enthusiastisch und nach außen hin fröhlich, wie die Charismatiker; die anderen schwören auf das Auswendiglernen des traditionellen Katechismus, wie die Neokatechumenalen. Alle aber haben ein gemeinsames Ziel: Sie wollen den Papst dadurch unterstützen, dass sie möglichst viele junge Männer fürs Priestertum begeistern. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht diese jungen Kleriker ausdrücklich antimodernen Vorstellungen folgten. Für Hanspeter Oschwald haben sich diese neuen geistlichen Gemeinschaften längst in den vatikanischen Leitungsstrukturen etabliert. Sie wollen als die „hundertprozentig“ Treuen den Kernbestand des Katholizismus darstellen, also die kleine treue Herde, wie sie so häufig beschworen wird als „heiliger Rest“, nachdem die Progressiven und an Kirchenreform interessierten Katholiken längst innerlich oder äußerlich die Kirche verlassen haben. Für den mit alten Traditionen eng verbundenen Benedikt XVI. sind diese so genannten „geistlichen Gemeinschaften“ die engsten Freunde. Ihnen gehört in seiner Sicht die Zukunft.

Hanspeter Oschwald, Im Namen des Heiligen Vaters. Wie fundamentalistische Kräfte den Vatikan steuern. Heyne Verlag, München 2010. 384 S., 19,95 €.



Themen und Perspektiven

3. August 2010 | Von CM | Kategorie: Themen bisheriger Salon-Gespräche

Themen einiger Salon – Gespräche
.

.

Am Sonntag 18. Juli, stand IMMNUEL KANT mit einem Beitrag von mir im Kulturradio des RBB im Mittelpunkt. Darin ging es natürlich auch um dessen religionsphilosophischen Vorschläge: Die Religion basiert auf der Ethik. Genauso wichtig: die nach wie vor aktuelle Erkenntnis Kants, nicht die Ethik basiert auf der Religion, wie noch heute einige fromme Leute behaupten. Und: “Das wesentliche religiöse Verhältnis ist das Gute tun”, so Kant. Er hatte höchste Mühe mit allen dogmatischen Systemen…

Im Mai war der Salon zu Gast in der Galerie “Georgia”, sie ist, wie der Name sagt, auf Kunst aus Georgien spezialisiert. Sie befindet sich in der Beibtreustraße 17 in Berlin – Charlottenburg. Der Künstler Zaza Tuschmalischvili und die Galeristin Annilie Hillmer zeigten, wie verschiedene stilistische Traditionen aus Georgien und Westeuropa zur Einheit finden, z.B. im Werk von Zaza Tuschmalischvili. Diskutiert wurde u.a. die Frage: Wie stark verändert sich “das Eigene” bei einem längerem Aufenthalt in anderen Kulturkreisen? Ist das “Eigene” immer schon von “Fremdem” mit geprägt? Wie sehr ist unser Bewußtsein tatsächlich eine je individuelle “Mischung” aus verschiedenen Traditionen, die uns sogar befremdlich erscheinen, wenn sie bewußt werden. Das abstrakte Gegenüber von Eigenem und Fremdem hat jedenfalls keinen Sinn. Welchen Sinn hat dann die Beziehung zur “Heimat”? Ist sie die wichtigste Inspirationsquelle für Künstler, die sich in unterschiedlichen Kulturen aufhalten? Droht das spezifische Profil von “Heimat” allmählich zu verschwinden angesichts einer alles gleichmachenden (Englisch sprechenden) Global – Kultur? Werden dann die Traditionen der Heimat zu bloßen folkloristischen Elementen?
Das Thema des Salon Gesprächs im April war: : Erfahrungen des Fremden: Horizonterweiterung durch Begegnung. Deutlich wurden einige Perspektiven: Das Subjekt, das “Ich”, konstituiert sich immer schon in Verbindung mit anderen. Die anderen, bzw. vom Ich aus gesehen, die Fremden, sind also niemals nur in einem 2. Schritt als “Beigabe” zum Ich zu sehen. Dies ist als Kritik gemeint an einer auf die Innenschau des Subjekts konzentrierte Philosophie. Welchen Unterschied gibt es zwischen dem “anderen” und dem “Fremden”? Wie können wir dem Fremden begegnen, dass er wirklich “er selbst” bleibt und nicht durch unsere Kategorien zu unserem “Selbst” gemacht wird, das seine Andersheit verliert. Wie weit kann die Toleranz gehen in der Anerkennung der Vielfalt des Fremdartigen des Fremden? Berichte aus Südafrika z.B. machten den Teilnehmern deutlich: Es gibt z.B. dort eine große Angst der Weißen vor den Schwarzen und umgekehrt. Die (reichen) Weißen mauern sich ein, wollen die anderen, die Schwarzen, fernhalten. Ein Phänomen, das auch in Deutschland sichtbar wird. Wie kann eine Kultur des Respekts gefördert werden, in der sich alle, also alle “anderen”, frei und gleichwertig entwickeln können? Welche Politik fördert diese Perspektiven? Was kann Kultur, was kann Kunst in der Begegnung mit dem Fremden leisten? Ist sie mehr als “multikultureller Spaß” und schöne Freizeitbeschäftigung? Tatsächlich geht es in der Begegnung mit Fremden nicht bloß um “Horizonterweiterung”, sondern wohl um tiefere “Lebensveränderung” durch Kritik von anderen und Selbstkritik. Dies gilt natürlich für alle “anderen” und nicht nur bloß für eine kleine Gruppe.

Das Thema der Diskussion am 12. 3.2010 war: Die goldene Regel. Eine ethische Basis für alle Menschen?
Durch die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong (London) wird jetzt mit Nachdruck daran erinnert, dass Religionen sich vom Ursprung her als praktische Lebensorientierung verstanden haben. “Buddha, Konfuzius und Jesus halten Metaphysik und Theologie eindeutig für schädlich”, so in Lettre 2009/84, S. 71. Nicht nur Karen Armstrong, viele andere Philosophen und Religionswissenschaftler weisen darauf hin: “Die Goldene Regel ist die gemeinsame Basis großer spiritueller Traditionen. “Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht”, heißt es in der jüdischen Tradition, “das ist das ganze Gesetz (Thora), und alles andere ist nur die Erläuterung”.
Inwiefern weckt die Goldene Regel Empathie? Wie leben unterschiedliche Menschen unterschiedlicher Kulturen auf dieser Basis zusammen? Wie ist die philosophische Kritik an der goldenen Regel (etwa durch Kant) zu bewerten?

Im Salon im Februar sprachen wir über die Frage: Wer ist ein Weltbürger? Diese einzelnen Themen wurden besprochen und werden uns weiter beschäftigen: Wie ist die Menschheit als EINE Menschheit zu denken? Ist der Kosmoplit die wahre Alternative zu Bindungen an nationalstaatliche Herkünfte und Verpflichtungen? Wie nimmt der Weltbürger sein Engagement für die “Welt” wahr? Worin liegt der Unterschied zu einem Vertreter der imperialen Kultur (etwa der USA), der den kulturellen Zwängen des Imperiums folgt, und einem Weltbürger? Wie kann der Weltbürger seine praktische Verantwortung für die noch unmenschlich lebenden Menschen (etwa in der sogen. “Dritten Welt”) leben? Die Philosophin Martha Nussbaum (USA) macht den Vorschlag: Nationen sollten sich heute nicht nur für ihre eigenen Bürger, sondern für die Sicherung der Grundfähigkeiten aller (!) Menschen zuständig fühlen. Martha Bussbaum bietet in ihrer Ethik eine Begründung für die Einheit der Menschheit, sie kann die Basis sein für eine kosmopolitische Philosophie.

* Die Themen weiterer Sitzungen im Religionsphilosophischen Salon waren:
* Das Absurde annehmen? Albert Camus (wir sprachen über ihn anläßlich seines 50. Todestages am 4. Januar 2010) verteidigt den Sisyphus, der den Stein immer wieder von neuem nach oben wälzt. ABER: Beim Heruntergehen zu dem Stein entdeckt Sisyphus sein Selbstbewußtsein: ICH bin es, der den Stein immer wieder nach oben stemmt. Ich bin durch meinen Geist, durch mein Selbstbewußtsein, nicht nur über den Stein, sondern auch über das Hinaufstemmen erhaben. Ich bin MEHR als diese absurde Situation. Ich kann stolz sein, dass ich angesichts dieser verdammten, absurden Situation doch etwas erhaben bin. “Wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen denken”. (A. Camus, Der Mythos des Sisyphus. Reinebek 2008, Seite 160.
* Im Jahr 2009 sprechen wir über:
* Eine Philosophie des Festes und der Feier? Beispiele für eine Philosophie, die mehr kennt als den Alltag
* Willensfreiheit – eine Illusion? Siehe einige Fragen dazu in”Denkbar”
* Wie gehen wir mit dem um, was wir “das Unvermeidbare” und “Unabänderliche” nennen?
* “Warum Denken traurig macht”. Anläßlich eines Buches von George Steiner. Unsere Frage: Unter welchen Bedingungen macht Denken traurig? Ist es nicht auch und zuerst (?) eine positive Lebensenergie?
* Achtsamkeit – eine Lebensqualität? Philosophische Zugänge und Vorschläge zur Praxis”. Deutlich wurde: Achtsamkeit ist eine Lebenshaltung, nicht eine “Tugend” neben anderen. Achtsamkeit ist Wachheit; bewußtes Leben in der Welt; Bereitschaft zur Re – flexion; die Abwehr, viele Dinge gleichzeitig zu tun; innere Sammlung; Widerstehen allem Geschwätz und aller ideologischen und dogmatischen Indoktrination.
* Themen früherer Salon Abende: “Gibt es einen Fortschritt in der Gesellschaft und im persönlichen Leben?”
* Ratgeben
* Gott denken
* Selbstbestimmung?
* Glück als Lebensziel



Ein Besuch bei Immanuel Kant

1. August 2010 | Von CM | Kategorie: Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Am 18. Juli 2010 sendete das Kulturradio des RBB meine Sendung über Immanuel Kant. Das hier vorliegende Manuskript ist umfangreicher als die RBB Sendung, in dieser “Langfassung” dürfte es auch von Interesse sein.

RBB am 18. Juli 2010.
Gott und die Welt
Vom Geschmack der Vernunft
Tischgespräche im Hause Immanuel Kants
Von Christian Modehn

Die Gäste haben im kleinen Salon, dem „Besucherzimmer“, Platz genommen. Gleich wird sie der Hausherr begrüßen und in den Speiseraum führen.

Vom Nachbargrundstück, dem Königsberger Schloss, sind sanfte Klänge zu vernehmen…

Über Musik wird der Gastgeber wohl nicht sprechen. Ihn interessiert die Philosophie ganz besonders. Wie sollte es auch anders sein im Hause Immanuel Kants?

Michael Bongardt:
“Für Kant heißt Kritik nicht irgendwie ein mies machendes Auseinanderpflücken, sondern kritisch zu schauen, was kann die menschliche Vernunft und was kann sie nicht”.

Herbert Schnädelbach:
Bei Kant ist es ja so: Ich kann religiös sein, wenn ich moralisch bin. Aber ich muss nicht religiös sein, um moralisch zu sein.

Jean Greisch:
Es gibt nicht nur ein Recht zu denken, sondern vor dem Recht kommt auch die Freude, die Lebensfreude.

Immanuel Kant betritt den Raum. Er ist klein von Gestalt und fein gekleidet wie immer. Trotz seiner 70 Jahre ist er gesundheitlich noch auf der Höhe, seine zuvorkommende Herzlichkeit hat er sich bewahrt. Er begrüßt seine heutigen Gäste, die Philosophen Michael Bongardt, Jean Greisch und Herbert Schnädelbach sowie die Theologen Friedrich Wilhelm Graf und Dietmar Mieth. Mehrmals in der Woche gönnt sich Kant das Vergnügen, eine kleine Gesellschaft zu bewirten, hier auf der ersten Etage seines Hauses in der Prinzessinstraße in Königsberg in Ostpreußen. Für seine Gäste will er nicht der „berühmte Philosophieprofessor“ sein. Er möchte sich schon gar nicht als die weltweit geachtete Autorität mit einem umfangreichen, aber schwer verständlichen Werk verehren lassen. Kant will sich vielmehr von seiner besten Seite zeigen, als ein Freund geistvoller Gespräche.
“Beim Essen gebe ich dem Körper seine Ehre. Es lohnt sich, ein Vergnügen zu kultivieren, das täglich genossen werden kann”.

Nach diesen Worten fordert Kant seine Gäste auf, an der Bibliothek und dem Schlafzimmer vorbei zum Speiseraum zu kommen.

In der Küche, unten im Erdgeschoß, werden die letzten Vorbereitungen getroffen.

Die Köchin hat Kants Lieblingsgericht zubereitet: Kabeljau in Senfsauce, mit Möhren und Rübchen als Beigabe. Im Speisezimmer hat der Diener Martin Lampe den Tisch schön gedeckt. Wie alle anderen Räume im Hause Kant ist aber auch der Speisesaal von schlichter Einfachheit, ohne wertvolles Mobiliar, ein großer Spiegel ist die einzige Zierde. Die Wände sind ohne Tapeten nur weiß gestrichen. Der Gastgeber hat als erster Platz genommen.

“Natürlich ist das Essen auch eine Pflicht. Nur so können wir leben und überleben. Unsere Lust der Sinne wird beim Essen angesprochen. Immer wieder interessiere ich mich für neue Rezepte, meinen geliebten Senf rühre ich ja bekanntlich selbst an. Doch gibt es einen Unterschied, und damit sind wir bei meinem Lieblingsthema: Philosophie kann niemals Rezepte verteilen. Sie kann nur Orientierung bieten, als eine Anstrengung von Verstand und Vernunft, die jeder einzelne leisten soll”.

Aber diese Leistung des Denkens muss doch wohl nicht ständig erbracht werden, meint der Philosoph Jean Greisch von der Berliner Humboldt Universität:

“Für mich ist das Denken keine Zwangsarbeit, es ist auch eine Lust zu denken. Und insofern hat das Denken etwas mit der Lebenslust zu tun”.

Genau deswegen sind wir zusammen, sagt Kant mit einem ironischen Lächeln und fährt dann fort:

“Natürlich ist das sinnliche Gefühl, zum Beispiel die fein zubereiteten Speisen zu genießen, unsere schöne Empfindung für das Leben. Lust und auch Unlust machen das Leben aus. Aber ohne kritisches Nachdenken lassen wir uns von Lust und Unlust hinreißen und verwirren. Wir finden ohne Nachdenken keine Harmonie im Leben”.

Herbert Schnädelbach, Philosoph aus Hamburg, greift den Gedanken auf und wendet sich an die anderen Gäste:

“Ich verstehe die Philosophie immer als eine Kultur der Nachdenklichkeit und was das eigentlich heißt, so nachdenken, seinen Gedanken nachdenken. Das kann man bei Kant wirklich lernen, ja”.

Nach dem ersten Schluck Sylvaner wendet sich die Tischgesellschaft erst einmal dem Essen zu. Die Gäste schweigen, weil es ihnen so gut schmeckt oder philosophieren sie schon wieder still für sich? Kant will diese Frage nicht entscheiden, aber er überbrückt die Stille und kommt etwas ins Plaudern. Er spricht eher selten über sich selbst. Aber auf die immer wieder gestellte Frage will er gleich eingehen: Warum er denn Junggeselle geblieben sei?

“Als ich eine Frau habe brauchen können, habe ich als junger Mann keine Frau ernähren können. Und als ich sie ernähren konnte, habe ich keine Frau mehr gebraucht. Denn mein ganzes Leben dient der Philosophie. Selbstdenken heißt für mich der oberste Prüfstein der Wahrheit. Das Kriterium für gut und böse liegt in unserer Vernunft selbst. Was wahr und falsch ist, darf uns niemand einreden”.

Hilft Philosophie also, sexuelle Lust zu kompensieren? Die Gäste schauen sich verständnisvoll an, als hätten sie in dem Moment dasselbe gedacht. Aber da ist Kant schon wieder ganz bei seiner Sache:

“Ein Mensch ist erst dann erwachsen, wenn er einer wahren Maxime, einer wahren Lebenseinstellung, folgt. Sie heißt: Bemühe dich jederzeit selbst zu denken. Das ist der Sinn philosophischer Aufklärung. Luther und die Reformatoren haben das Selber – Lesen propagiert, nämlich das Selber – Lesen der Bibel. Ich sehe im Selber Denken die Voraussetzung für menschliches Leben. Jeder soll selber denken”.

Die Gäste haben es geahnt: Das gemeinsame Essen ist nur die Einleitung für ausgiebiges Diskutieren. Nach dem Dessert, dem obligaten Pflaumenkompott, öffnet Kant das Fenster. Im Schloss, direkt gegenüber, sind italienische Musiker zu Gast.

Kant bittet seine Gäste, das Gespräch im Speisezimmer fortzusetzen. Der Philosoph Herbert Schnädelbach aus Hamburg eröffnet die Debatte:

“Wie verteidigt man die Moral gegen die Zyniker, gegen die Skeptiker, gegen die Nihilisten. Gibt es da vernünftige Gründe, das ist die Aufgabe der Moralphilosophie und nicht Moral beizubringen”.

Darin sieht Kant seine Lebensaufgabe: Er will vernünftige, also widerspruchsfreie und allgemeingültige Gründe nennen für ein menschenwürdiges Leben. Er greift zu seinem Buch „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“ und liest eine Zeile vor:

“Es soll nicht sein, dass Menschen ihre Ziele nach eigener Laune auf Kosten anderer durchsetzen. Ethische Regeln sollen etwas allgemeines sein, also für alle Menschen als vernünftig gelten”.

Michael Bongardt, Professor für Ethik an der Freien Universität Berlin, will dieses Thema gleich weiterzuspitzen:

“Für Kant ist es keine Begründung einer Regel zu sagen: die hat Gott gesetzt. Ein göttliches Gebot können wir ohnehin nicht als solches erkennen. Wer kann uns mit Sicherheit sagen, dass ein Gebot von Gott kommt und nicht von Menschen erfunden ist, die dann halten sagen: Es ist von Gott. Aber, so sagt Kant sehr selbst bewusst: Selbst wenn es ein göttliches Gebot wäre, wären wir verpflichtet, nur das zu tun, was wir selber kraft eigener Vernunft für gut halten”.

Kant blickt in die Runde, seine Augen strahlen:

“Treffender hätte ich es auch nicht sagen können. Die Anweisungen zu einem guten Leben sollen niemals von politischen oder religiösen Herrschern stammen. Jeder einzelne weiß selbst, was gut ist und was es bedeutet, frei zu handeln”.
Michael Bongardt greift diesen Gedanken auf:
“Wir alle kennen so etwas wie das Gewissen, wie einen Anspruch, der in unserem Inneren steckt, etwas zu sollen. Es wäre widersprüchlich zu sagen, wir empfinden ein Sollen, und gleichzeitig zu sagen, diesem Sollen entspricht kein Können. Das wäre absurd. Von daher ist es ein Indiz für die Freiheit, dass wir das Sollen in uns spüren. Wenn wir von Ethik reden, müssen wir davon ausgehen, dass es sinnvoll möglich ist, von menschlicher Freiheit zu sprechen”.

Jetzt wird Kant sehr energisch:

“Dieses Gewissen ist ja bekanntlich nicht zu sehen und nicht zu greifen. Aber es existiert dennoch. Das ist erstaunlich: Unsere Freiheit hat im Geistigen, im Übersinnlichen ihren Ursprung”.

Aber wie gehen Menschen mit ihrer Freiheit um? Haben sie in ihrer Vernunft ein Kriterium für das, was gut oder böse ist? Herbert Schnädelbach erinnert an die wohl berühmteste Formulierung Kants, den „Kategorischen“, den unbedingt geltenden, „Imperativ“:

“Handle so, dass die Maxime deines Willens, also dein persönlicher Lebensentwurf, jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. Das bedeutet auch: Niemals darf ein anderer Mensch für mich bloß ein Mittel, bloß ein Gegenstand meiner Interessen sein. Jeder Mensch ist absolut wertvoll, er ist „Selbstzweck“.

Die Runde nickt zustimmend. Wer seinen Lebensstil und seine persönliche Lebenshaltung immer wieder mit dem Kategorischen Imperativ konfrontiert, gewinnt Klarheit. Was auf den ersten Blick so abstrakt klingt, enthält eine hilfreiche, eine wegweisende Erkenntnis, meint Herbert Schnädelbach.

“Der kategorische Imperativ bezieht sich auf Maxime, auf subjektive Grundsätze. Wenn du einen Grundsatz hast, z.B. ich will fremdes Eigentum nicht respektieren. Dann überlege dir, was passierte, wenn das allgemeines Gesetz wäre. Wenn ich sage: Verhaltet euch locker in der Eigentumsfragen, fremdes Eigentum soll mir wurscht sein…Dann widerspreche ich mir, weil ich ja selber für mich Eigentum in Anspruch nehme. Also ich zerstöre meine eigene Zielsetzung dadurch, dass ich diese Maxime nicht befolge”.

Der kategorische Imperativ kann also von eher destruktiven Einstellungen befreien; er hilft, möglichst widerspruchsfrei zu handeln. Kant nickt zustimmend

“Wer der Vernunft in seinem Denken und Handeln folgt, muss sich auch auf rigoros erscheinende Einsichten einlassen. Er muss die Frage klären: Kann es zum Beispiel moralisch erlaubt sein, gelegentlich zu lügen? Ich denke: Wenn das so wäre, dann zerstörte man letztlich die menschliche Gesellschaft. Niemand weiß dann noch, was grundsätzlich für alle gilt. Die Lüge vergiftet das Miteinander”.

Aber kann das ethische Gebot, nicht zu lügen, wirklich immer und überall gelten, wirft Herbert Schnädelbach in die Runde.

“Also wenn man sich die Situation vorstellt: Ich verstecke jemanden vor der Geheimpolizei und ich werde gefragt: Ist der bei dir. Und dann darf ich nach Kant nicht lügen. Man hat ja nur die Möglichkeit, es falsch zu machen, also man kann entweder lügen oder die Wahrheit sagen. Und dann ist die Verantwortung noch größer. Also es bleibt gar nichts übrig, dass ich in diesem Dilemma Urteilskraft brauche und muss dann sagen, was ist der höhere Wert, was ist die größere Schuld. Das muss man abwägen. Und dafür gibt es keine Regeln”.

Der kategorische Imperativ soll also nie mechanisch und gedankenlos angewendet werden…Gelegentlich sollte man doch dem kleineren Übel folgen. Kant will das ausdrücklich bestätigen:

“Eine Notlüge kann ich im Einzelfall entschuldigen, weil sie Leben retten kann. Aber die Notlüge sollte nicht grundsätzlich gerechtfertigt werden”.

Prinzipiell muss also der Kategorische Imperativ den Vorrang haben. Denn er macht deutlich, was für alle Menschen gilt. Michael Bongardt verweist auf ein besonders heikles Thema, die aktive Sterbehilfe:

“Ist es eine sinnvolle Maxime, also eine Grundregel menschlichen Handelns, zu sagen: ich setze meinem Leben ein Ende, wenn das Unerträgliche in diesem Leben stärker ist als das Erträgliche. Um es gleich vorweg zu sagen: Kant sagt, das geht nicht. Das darf ich nicht als allgemeine Regel stellen. Weil, so sein Hauptargument, die Grundrichtung unserer Vernunft ist die Lebenserhaltung. Unsere Vernunft zielt darauf, unsere Vernunft und Freiheit zu erhalten. Wenn sie jetzt dafür benützt wird, genau das Gegenteil zu tun, nämlich, den Ast abzusägen, auf dem sie selber sitzt, dann ist das eine Widersprüchlichkeit, die es unmöglich macht, diese Regel zum allgemeinen Gesetz zu machen”.

Aber was will Kant schwerstkranken Patienten sagen, die von unerträglichen Schmerzen gequält sind und freiwillig gern aus dem Leben scheiden möchten? Die beiden Theologen in der Runde schauen sich verständnisvoll an: Darauf hat die Philosophie Kants keine Antwort, das ist ihre Grenze. Der Diener Lampe unterbricht diese Überlegungen, er bringt eine weitere Falsche Sylvaner:

Die Gäste wissen: EIN Philosoph kann niemals auf alle Fragen eine schlüssige Antwort geben. Auch Kants Denken bleibt begrenzt, selbst wenn seine „Entdeckung“ des Kategorischen Imperativs schon eine immer gültige Erkenntnis für alle Menschen bleibt. Wer mit Hilfe des „kategorischen Imperativs“ in problematischen Situationen des Alltags immer wieder prüft: Kann meine Entscheidung allgemeines Gesetz für alle werden, erhält keine inhaltlichen Weisungen, „dieses oder jenes“ zu tun, betont Michael Bongardt:

“Wir brauchen im Konfliktfall gar nicht in erster Linie Lösungen für den konkreten Konflikt, sondern wir brauchen Regeln, wie wir mit Konflikten umgehen. Damit sind wir auf einer Ebene, die natürlich abstrakter ist, als die Frage: was soll ich denn jetzt gerade machen: A oder B wählen? Es geht darum, wie gehen wir mit ethisch relevanten Konflikten um, wo verschiedene Meinungen gegeneinander stehen. Für diesen Umgang brauchen wir Regeln. Und genau an diesem Punkt ist meines Erachtens Kant nach wie vor eine ausgesprochen große Hilfestellung, weil er uns gerade solche Regeln an die Hand gibt”.

Die Gäste wissen, dass Kant auch an politischen Fragen leidenschaftlich interessiert ist – schließlich fühle er sich als einzelner Bürger und Anhänger des republikanischen, demokratischen Gedankens auch der universalen Menschheit zugehörig und verpflichtet, Jean Greisch ist davon begeistert:

“Ich bin nicht nur ein Philosophie Professor, ich bin auch ein Weltbürger. Und als Weltbürger bin ich Mitspieler im großen Spiel des Lebens. Ich bin kein Zuschauer, ich bin kein Schiedsrichter. Ich bin, ob ich will oder nicht, an diesem Spiel beteiligt. Und in diesem Spiel wird mir manchmal auch sehr böse mitgespielt”.

Denn der Bürger wird nicht nur betrogen und belogen, er ist dem Spiel der politischen Machthaber oft hilflos ausgesetzt, nur selten kann er sich gegen Hass und Friedlosigkeit wehren. Die Philosophie Kants bietet auch in diesem Fall die richtige Orientierung, meint Herbert Schnädelbach:

“Der kategorische Imperativ verpflichtet nur dazu, in den Rechtszustand einzutreten! Und das Recht ist dann nichts anderes als die Regulierung der Verträglichkeit der Freiheit eines jeden mit der Freiheit eines jeden anderen”.

Meine Freiheit sollte die Freiheit des anderen also nicht beschädigen, Kant wird beinahe wütend:
“Und ich muss denjenigen Menschen in seiner Freiheit behindern, wenn er seine eigene Freiheit nur dazu benutzt, die Freiheit anderer einzuschränken”.

Der Kategorische Imperativ gilt nicht nur im privaten Bereich, er schafft Klarheit auch in den internationalen Beziehungen der Staaten untereinander. Diese Erkenntnis will Michael Bongardt unbedingt festhalten:

“Kants Grundfrage ist: Gibt es für uns irgendwelche Regeln, an die wir uns halten müssen, weil sie für alle Menschen gelten und zwar deshalb für alle Menschen gelten, weil sie unserer Vernunft einleuchten”.

Trotz aller Unterschiedlichkeit der Kulturen mit ihren individuellen Ausprägungen gibt es doch eine gemeinsame Überzeugung der ganzen Menschheitsfamilie, ruft Herbert Schnädelbach in die Runde:

“Wenn es eine moralische Pflicht gibt, in den Rechtszustand einzutreten, dann muss das auch global gelten. Wenn wir wirklich universalistische Vorstellungen haben von Moral und von Menschrechten, da folgt wirklich auch die moralische Forderung daraus, auf den Frieden hin zu arbeiten”.

Kant hat sich erhoben. Er greift zu einem Buch, auf das er besonders stolz ist. Früher hatte er grundlegende Bücher zu erkenntnistheoretischen und ethischen Fragen publiziert.

“Ich habe einen politischen Text veröffentlicht mit dem Titel „Zum ewigen Frieden“. Darin schreibe ich: In unserer politischen Arbeit sollen wir den universalen Frieden, den Weltfrieden, als Projekt anstreben. Was nützt es, wenn ein friedlicher Staat von lauter Kriegstreibern umgeben ist. Es ist ein langer Weg zum Weltfrieden, aber er ist ethisch geboten. Ich kritisiere die räuberische Außenpolitik, früher sprach man von Kolonialpolitik. Es gibt Staaten, die herrschsüchtig und für den Frieden verderblich sind. Niemals darf ein Mensch nur als Mittel, als Kanonenfutter sagt man ja, benutzt werden. Es darf z.B. kein stehendes Heer mehr geben, denn das führt nur zum Wettrüsten”.

An dieser Stelle möchte der katholische Moraltheologe Dietmar Mieth aus Tübingen das Wort ergreifen. Er weiß genau, dass Kant in seiner politischen Philosophie auf die ethischen Weisungen Jesu von Nazareth und anderer religiöser Führer gern verzichtet. Aber ist nicht die Botschaft Jesu gerade in der Diskussion über Krieg und Frieden auch philosophisch hilfreich, fragt Dietmar Mieth:

“Wenn wir von Jesus etwas Zentrales lernen können, ist es Gewaltkritik. Da geht es nach meiner Ansicht im wesentlichen um ein kritisches Bewusstsein gegenüber Gewalt, um eine Unterbrechung. Dies ist eben die Unterbrechung der Spirale. Das tut er nicht, sich diesen Gesetzen Gewalt gegen Gewalt zu beugen.
Das kann man philosophisch erkennen und anerkennen, indem man sagt, wenn wir den Terrorismus mit terroristischen Mitteln bekämpfen, dann zeugen wir ihn fort. D.H. Wir müssen also in unserer eigenen Haltung antiterroristisch gegen den Terrroismus kämpfen und das ist offensichtlich in der Politik schwierig”.

Die Diskussion hat noch einmal eine Wendung genommen: Wenn die Vorstellung, Frieden für alle zu schaffen, auch von der Bibel unterstützt wird, sollte man dann nicht auch ausführlicher über die göttliche Wirklichkeit sprechen? Jean Greisch wendet sich Kant zu:

“Ein Begriff des Göttlichen, in dem die Idee der Liebe, der Gerechtigkeit, des Friedens keine zentrale Rolle würde, wäre für mich mit dem Göttlichen überhaupt unverträglich. Ich würde sagen: das ist das Ungöttliche”.

Kant kann dem nur zustimmen. Es sei einfach falsch, wenn so viele Dummköpfe behaupten, er sei ein „Zerstörer des Glaubens“.

“Ich finde es von meiner Moralphilosophie her sogar notwendig, das Dasein Gottes anzunehmen. Gottes Existenz können wir zwar nicht wissenschaftlich demonstrieren, weil ja Gott nicht als ein greifbarer Gegenstand erfahren werden kann”.

Jean Greisch, der zugleich Philosoph und Theologe ist, will diese Aussage noch vertiefen:

“Gott ist für Kant kein Erfahrungsgegenstand. Aber das bedeutet keinesfalls, dass der Begriff, der Gottesbegriff, selbst sinnlos wäre. Also insofern kann man sagen: Das Unbedingte ist unbegreiflich, aber das ist eine Idee, die nicht nur Kant vertritt, die finden Sie bereits bei Augustinus. Er sagt: Wenn du ihn begreifen könntest, dann kannst du sicher sein, das kann nicht der Gott sein”.

Die Runde ist von einer Stimmung erfasst, die man im Hause Kants schon „philosophische Begeisterung“ oder „kritischen Enthusiasmus“ genannt hat. Der Gastgeber ruft dazwischen:

“Wer sagt, dass Gott sicher existiere, der sagt mehr, als er weiß. Und wer das Gegenteil sagt, Gott existiere sicher nicht, der sagt ebenso mehr als er weiß. Niemand weiß genau und exakt, dass Gott existiert. Sondern wir glauben es. Dabei bedeutet Glauben als menschliche Haltung keine Abwertung gegenüber dem Wissen”.

Da kommen religiöse Menschen also doch zu ihrem recht…Aber Herbert Schnädelbach warnt davor, nun sofort zu meinen: Kant sei auch ein Verteidiger kirchlicher Institutionen:

“Was jetzt die Religion betrifft, also die gelebte Religion, da hat er ja in der Religionsschrift gesagt, alles, was daran zu retten ist, können wir nur verstehen als Anhang zur Moralphilosophie. Er sagt eben, alles, was wir glauben tun zu können, um gottgefällig zu sein, außer dass wir moralisch leben, das ist alles Abgötterei und Aberglaube”.

Kant möchte dem unbedingt zustimmen:

“Religiöse Praxis bedeutet für den einzelnen nichts anderes als die Anerkennung vernünftiger moralischer Pflichten, und diese sind göttliche Gebote! Unsere Vernunft ist der Maßstab und das Kriterium für alles, was in einer Religion lebt. So werden dogmatische Ansprüche begrenzt. Darum habe ich kein Verständnis für Konfessionen und Kirchen, wenn sie die Menschenrechte nicht respektieren und nur halbherzig die Demokratie unterstützen…”.

Kant wird von dem Theologen Friedrich Wilhelm Graf aus München unterbrochen, er will Kants Erkenntnis auf eine Kirche unmittelbar anwenden.:

“Es gibt keine römisch-katholische Demokratie-Theorie, in der nicht die Zustimmung zur Demokratie von Vorbehalten abhängig gemacht worden ist. Es heißt immer die wahre Demokratie, die rechte Demokratie. nie die Demokratie als solche. Und die eigentliche Demokratie ist die Demokratie, die sich den sittlichen Einsichten, den moralischen Vorschriften des Lehramtes öffnet. Es ist jedenfalls nicht eine parlamentarische, pluralistische Parteiendemokratie, in der die Kirche in ihren Mitbestimmungsansprüchen an den Rand gerückt wird”.

Kant fühlt sich richtig verstanden:

“Ich habe das ja so oft schon gesagt: Es gibt Kirchen, die sich nicht weiterentwickeln und wie leblos erscheinen, z.B. wenn sie in ihren eigenen Strukturen vernünftigen oder demokratischen Prinzipien nicht folgen wollen und etwa Frauen keine Gleichberechtigung bewähren… ”

Friedrich Wilhelm Graf will gleich noch etwas ergänzen:

“Man kann sagen, dass die Römisch-Katholische Kirche seit 200 Jahren den Prozess der Modernisierung darin kritisch begeleitet, dass sie sich als eine Gegeninstitution etabliert. Deshalb hat sie die Autorität des Papstes zunehmend verstärkt im 19. Jahrhundert, deshalb hat sie immer stärker auf römischen Zentralismus gesetzt. Was wir jetzt erleben ist im Grunde genommen eine innerlich stimmige, konsequente Kirchenpolitik: Je mehr religiösen Pluralismus es gibt, desto konsequenter stellt die Römisch katholische Kirche ihre spezifischen Merkmale in den Raum, das ist durchaus stimmig”.

Und zu den spezifischen Merkmalen gehören eben auch die breiten Traditionen eines volkstümlichen Katholizismus oder einer populären Orthodoxie: Sie haben etwa „heilige Orte“ geschaffen mit Wunderquellen und empfehlen „Heilige als himmlische Schutzpatrone“ in allen Lebenslagen anzurufen. Da schaltet sich Jean Greisch ein:

“Aberglaube, Fanatismus, Wundergläubigkeit und so weiter: die muss man tatsächlich unter Kontrolle halten. Das ist das Problem Kants. Und ich glaube, er hat recht. Und ich glaube, in dieser Beziehung müssen wir auch als Philosophen einen kritischen Blick für die institutionellen Organisationsformen der einzelnen Religionsgemeinschaften haben”.

Kant freut sich, dass seine Gäste die Grundidee seiner Religionsphilosophie verstanden haben, und mit einem Seufzer fügt er hinzu: Viel wichtiger als die Kirche sei doch etwas ganz anderes:

“Das Reich Gottes auf Erden ist die letzte Bestimmung des Menschen. Christus hat das Reich Gottes verkündet. Aber man hat ihn nicht verstanden und statt dessen das Reich der Priester und der Kirche errichtet und nicht das Reich Gottes, das in uns selbst, in Seele und Vernunft, zu finden ist”.

Die Gäste wollen nicht auseinander gehen, ohne auch die Grenzen der Religionsphilosophie Kants zu besprechen. Schließlich sei religiöse Praxis doch immer auch Gottesdienst und Liturgie, Gesang und Gebet, Mystik und Ekstase. Darauf will Jean Greisch unbedingt hinweisen:

“Jetzt kann man sich allerdings fragen, ob Kant nicht dazu neigt, Religion und Ethik total miteinander zu identifizieren. Dass man sagt, eine Religion, die noch andere Komponenten enthält als die rein ethische Komponente, das ist eine suspekte Religion. Also mit dieser These der totalen Identität von Ethik und Religion habe ich meine Schwierigkeiten, also die Religion ist eine eigenständige Provinz im menschlichen Gemüt”.

Herbert Schnädelbach kann dem nur zustimmen. Religion ist mehr als Moral! Er erinnert an den Theologen Friedrich Schleiermacher in Berlin: Der Zeitgenosse Kants plädiert dafür, das Gefühl für das Unendliche und das ganzheitliche Ergriffensein von Gott als besten Ausdruck von Religion zu fördern: Vielleicht will Herbert Schnädelbach mit diesem Hinweis schon das nächste Salongespräch ankündigen?

“Ich würde schon sagen, da ist Schleiermacher doch wirklich sehr wichtig, weil Schleiermacher ganz entschlossen die Religion aus der Gefangenschaft der Moral befreit hat. Und das ist eigentlich für mich eine der wichtigsten Einsichten, dass Religion nicht eben ein Anhängsel der Moral ist, und dass sie auch keine Metaphysik ist, also keine Welterklärung. Und diese Befreiung der Religion von den moralischen Aufgaben, das hat sich eben bis heute immer noch nicht rumgesprochen, weil viele Leute immer noch erwarten, dass die Kirchen die moralischen Oberinstanzen sind”.

Kant ist nicht gerade glücklich über diese kritischen Hinweise. Kann EIN Denker denn alle Aspekte berücksichtigen? Aber es wird Zeit, die Gäste zu verabschieden. Denn sein üblicher Nachmittagsspaziergang steht jetzt auf dem Programm… Im Namen der Gäste bedankt sich Herbert Schnädelbach für die insgesamt anregenden Gespräche im Hause Kants:

“Das ist ein inständiges Nachforschen mit dem Versuch, alle möglichen Argumente, die da mit im Spiel sind, zu berücksichtigen, das ist irgendwie doch faszinierend, muss ich sagen”.

Auch der Gastgeber ist zufrieden…Wieder einmal hat eine Tischgesellschaft für das „Aufblitzen der Vernunft“ gesorgt. Zum Abschied sagt er:

“Auch wenn wir hier gut gegessen und ordentlich getrunken haben: Vergessen wir nicht: Der Wert des Lebens besteht nicht im Genuss und im Genießen. Vielmehr erinnert uns die Vernunft daran, dem Leben durch unsere ethischen Handlungen einen Wert zu geben. Das ist der wahre Geschmack der Vernunft”.

Und mit einem leichten Seufzer fügt er hinzu:

“Nur mit kleinen Schritten folgt die Menschheit den Weisungen der Vernunft. Schließlich leben wir noch nicht in einer vernünftigen Welt…”

Immanuel Kant wurde 1724 geboren, er hat seine Heimatstadt Königsberg bis zu seinem Tod 1804 nie verlassen. Aber ständig konnte er Gäste aus aller Welt bei sich zu Hause begrüßen … und mit ihnen speisen….

COPYRIGHT: Christian Modehn Juli 2010.



Christen und Muslime gemeinsam auf Wallfahrt

27. Juli 2010 | Von CM | Kategorie: Interkultureller Dialog

Christen und Muslime gemeinsam auf Wallfahrt

Können Christen und Muslime gemeinsam in Westeuropa eine Wallfahrt unternehmen? Können Sie sich gemeinsam an einem Ort versammeln und dann einen christlichen Gottesdienst feiern und danach gemeinsam einer Lesung aus dem Koran folgen? Das ist keine rhetorische Frage: In der Bretagne, Frankreich, im Ort Vieux – Marché an den Cotes d Armor treffen sich schon seit 56 Jahren Menschen, die konfessionell zwar getrennt, aber doch in der grundlegenden Frage nach dem EINEN Gott gemeinsame Überzeugungen haben: Christen und Muslime. Immer an einem Juli Wochenende kommen einige hundert Pilger aus beiden Religionen zusammen. Äußerer Anlass ist die Erinnerung an 7 junge Männer, die im 3. Jahrhundert in Ephesus lebten. Während der Christenverfolgung wurden sie bei lebendigem Leib eingemauert, aber sie überlebten, so berichtet die Legende. Davon waren Christen wie Muslime später gleichermaßen beeindruckt. Muslime sehen im Überleben der Frommen einen Beweis für die Allmacht Allahs. In einer Sure des Koran werden die 7 Männer erwähnt. Das Wallfahrtsgeschehen verlagerte sich von Ephesus in die Bretagne…
In den letzten Jahren hat sich die Wallfahrt nach Vieux Marché zu einem Treffpunkt für Menschen entwickelt, die in christlich – muslimischen Mischehen leben. Hier können sie sich austauschen, gemeinsam feiern und an Konferenzen und interreligiösen Treffen teilnehmen. „Ein religiöses Ereignis zu haben, das uns gemeinsam ist, entspricht völlig unserem Wunsch, als christlich- muslimisches Paar eine gemeinsame spirituelle Basis zu haben“, berichtet Saida in der Tageszeitung La Croix, Paris, vom 22. 7. 2010. Inzwischen gibt es auch eine christlich – muslimische Wallfahrt nach Chartres. Frankreich scheint in der Hinsicht ohnehin etwas weiter entwickelt zu sein als Deutschland: Dort gibt es in zahlreichen Städten Gesprächskreise „Groupes de foyers islamo-chrétiens” (GFIC). Das Verhältnis zwischen beiden Religionen scheint dort etwas entspannter zu sein. Ich kann mich z.B. erinnern, wie ein Muslim kürzlich sein Abendgebet in einer Seitenkapelle der prächtigen Kirche Saint Sulpice in Paris ungestört gestalten konnte. Ob es wohl jemals in Deutschland gelingt, dass eine der leerstehenden Kirchen den Muslimen übergeben wird als Moschee? Ob es wohl jemals in Deutschland gelingt, dass eine der vielen leerstehenden Kirchen als Treffpunkte für Christen und Muslime gestaltet werden, vielleicht mit einem Wallfahrtsgeschehen oder gemeinsamen Konferenzen usw.? Warum ist die Last der christlichen dogmatischen Traditionen so groß, dass Christen nicht den ersten Schritt auf die Muslime hin tun können? Lieber werden Kirchen abgerissen oder verkauft als dass sie Muslims angeboten werden oder neue Konzepte interreligiöser Arbeit probiert werden. Diese geringe Kreativität, diesen geringen Mut, aufseiten der Kirchenführungen, empfinden viele Menschen einfach unerträglich. Einzige mir bekannte Ausnahme: Die Moschee in der Rozengracht in Amsterdam, nahe dem Anne Frank Haus, war früher eine Kirche…
PS: Ich habe übrigens in meinem Buch „Religion in Frankreich“, Güterlsloh, 1993, auf S. 137 f. als einer der ersten in Deutschland überhaupt auf diese gemeinsame Wallfahrt in der Bretagne hingewiesen. Das Buch „Religion in Frankreich“ ist noch antiquarisch zu haben.